Deutschlands meistbeschäftigte Bettelampel

Wenn’s gut läuft, ist eine Bedarfsampel eine echte Querungshilfe für Radfahrer und Fußgänger. Wenn’s schlecht läuft, eine nervige Geduldsprobe. Deutschlands widersinnigstes Exemplar steht ausgerechnet an Münsters studentischer Hauptverkehrsachse – zwischen Mensa und Altstadt.

Die Mensa am Aasee ist das Schmuckstück des Studentenwerks Münster: Strategisch günstig gelegen zwischen dem Hörsaalkomplex an der Scharnhorststraße und den zahlreichen innerstädtischen Standorten der Universität wandern hier zur Mittagszeit tausende Essen in die Mägen hungriger Studenten. Daneben haben hier die Büros des Studentenwerks ihren Sitz, im Obergeschoß sind mehrere Geschäfte wie Copyshop und Frisör untergebracht und an der Front des Gebäudes betreibt das Studentenwerk mit dem Café Uferlos eine der beliebtesten Sonnenterassen der Stadt. Das Radverkehrsaufkommen ist dementsprechend – nicht nur zur Mittagszeit.

Die Situation um die Aaseemensa sagt vieles über den Gemütszustand der münsterschen Verkehrsplanung aus: Die Bismarckallee, an der die Mensa liegt, ist eine kleine Einbahnstraße mit relativ wenig Kraftverkehr. Nennenswert ist eigentlich nur der Busverkehr der Linien 10 und 4, welche die Haltestelle vor der Mensa im Zehnminutentakt stadtauswärts bedienen. Radwege gibt es trotz der übersichtlichen Verkehrsstärken an beiden Seiten: Stadtauswärts ein viel zu schmaler, ehemals benutzungspflichtiger Bordsteinradweg, den man jedoch aufgrund eines Grünstreifens und fehlender Absenkungen nur schlecht verlassen kann – stadteinwärts eine schmale Asphaltpiste, die indiskutabel zwischen den Fahrradständern vor der Mensa hergeführt wird und eben vor jener Bettelampel endet.

Die Abstellsituation an den Radständern vor der Mensa ist gerade zur Mittagszeit in den Sommermonaten angespannt, was viele Studenten zum Wildparken an einem Zaun gegenüber der Mensa verleitet, wodurch dann die Fußgänger wieder auf den Radweg ausweichen müssen – der typische unterschwellige Terror der münsterschen Verkehrsplanung also.

Dabei hatte man die Chance, all das zu ändern: Die Oberfläche der Bismarckallee wurde vor wenigen Jahren aufwendig saniert, der Radweg an der Aaseeseite im Rahmen der Barrierebefreiung der Bushaltestelle teilweise neu gepflastert. Was hätte also dagegen gesprochen, die Radfahrer hier auf die Fahrbahn zu holen und die Abstellsituation vor der Mensa durch Abbau der alten „Felgenkiller“ und Neubau neuer, einfacher Abstellbügel deutlich zu entschärfen.

Auch die Verkehrsführung von der Mensa in die Innenstadt wurde erst vor einigen Monaten neu geregelt – durch einen Verbreiterung des Radwegs zu Lasten der Fußgänger in homöopathischem Ausmaß. Auch danach sind diese Anlagen weiterhin überlastet – nun entsteht zudem Konfusion durch eine ungünstige Kreuzung der Radfahrewege aus Richtung Himmelreichallee. Das wesentliche Problem ist geblieben:

Die Radfahrerströme zieht es von der Mensa aus weit überwiegend in die Aegidiistraße, die in ihrem weiteren Verlauf die Anfahrt zum Domplatz und zur Universitätsstraße mit etlichen größeren Hochschulstandorten wie Juridicum, Unibibliothek, historischem Seminiar, Anglistik und vielen anderen darstellt. Doch während der Ortsdurchfahrt der B 54 hier insgesamt sieben (!) Spuren und ein Grünstreifen eingeräumt werden, teilen sich Radfahrer und Fußgänger münstertypisch viel zu schmale Anlagen im Seitenraum. Die Bettelampel rundet dann dieses Trauerspiel noch ab. Sinvoll wäre es, die Radfahrer auf einer eigenen Fahrradspur in einer Ampelphase von der Mensa in einem Rutsch in Richtung Innenstadt zu schleusen und umgekehrt. Aber dazu müsste man natürlich auf ein bis zwei KfZ-Spuren verzichten (wahrscheinlich noch nichtmal das, weil die wenigen Rechtsabbieger Richtung Bismarckallee bzw. Aegidiistraße sich zusammen mit den Radfahrern arrangieren könnten).

Hierbei ist wieder einmal klar, dass sich an dieser Stelle mittelfristig etwas ändern muss und auch ändern wird. Zumindest die Radwegebenutzungspflicht am „Radwegestummel“ der Bismarckstraße dürfte rechtlich nicht aufrecht zu erhalten sein – die Stadt wird die Führung also auf Dauer umbauen müssen. Aber weil Münsters Verkehrsplanung anscheinend nicht in der Lage ist, vorausschauend zu denken, wird hier erneut viel Geld in die Hand genommen werden müssen – und was bisher zur Aufrechtherhaltung der veralteten Infrastruktur investiert wurde, sich dann aber als Fehlinvestition erweisen wird, hätte man an anderen Stellen gut gebrauchen können.

Ein Kommentar zu “Deutschlands meistbeschäftigte Bettelampel

  1. Wildschweinklaus

    Ich teile die Kritik in vollem Umfang. Was dabei allerdings noch beachtet werden muss:
    – Die Bismarckallee ist eine Einbahnstraße, dh bei Aufhebung der Benutzungspflicht des stadteinwärtigen Radwegs müsste zugleich eine „Fahrräder frei“-Regelung her
    – Die Ampel ist die meiste Zeit des Tages keine Bedarfsampel, sondern schaltet auch ohne Anforderung regelmäßig auf grün. Lediglich zur Nachtzeit und teilweise am Wochenende ist eine Grünanforderung notwendig. (Das genaue System habe ich trotz fünfjähriger regelmäßiger Benutzung nicht herausgefunden.) Letzteres führt allerdings dazu, dass viele sich merken, dass der Knopf nicht gedrückt werden muss und dann bei Nacht minutenlang erfolglos auf das Grün warten.

    Solche (zeitweisen) Pseudobedarfsampeln gibt es noch an mehreren Stellen, bspw an der Kreuzung Weseler Str./Geiststraße. Dort, wie auch an der Bismarckalle, ist zu den Anforderungszeiten zudem die Grünphase extrem kurz.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Durch das Fortsetzen der Benutzung dieser Seite, stimmst du der Benutzung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen", um Ihnen das beste Surferlebnis möglich zu geben. Wenn Sie diese Website ohne Änderung Ihrer Cookie-Einstellungen zu verwenden fortzufahren, oder klicken Sie auf "Akzeptieren" unten, dann erklären Sie sich mit diesen.

Schließen