Tempo 30: IHK lässt Maske fallen

Die Industrie- und Handelskammer (IHK) Nord Westfalen hat sich mit einem Artikel in den Westfälischen Nachrichten in die Tempo 30-Debatte eingeschaltet. Wer als münsterscher Kampfradler schon vorher das ungute Gefühl hatte, die hiesige IHK sei ein Hort unbelehrbarer Autofanatiker, darf jetzt ernüchtert feststellen:

Das ist alles noch viel schlimmer.

Es scheint an IHK-Repräsentant Fabian Roberg völlig vorbeigegangen zu sein, dass auch Menschen, die bewußt auf das eigene Kraftfahrzeug verzichten, zu einem erheblichen Teil des Prosperierens der münsterschen Wirtschaft beitragen – sei es als Kunde, Arbeitnehmer oder – ecce et gaude – Unternehmer.

Ein einziger Satz läßt vermuten, dass Roberg das Kernproblem, das überhaupt erst zur Debatte führte, nicht ansatzweise verstanden hat. „Auch Pendler haben Grundbedürfnisse,“ so wird Roberg zitiert. Damit unterstellt er gleichzeitig, dass Pendler-Mobilität nicht denkbar sei, ohne mit dem eigenen Auto in eine mittelalterlich geprägte Innenstadt zu treckern.

Mobilitätsverständnis aus den 1960ern

Solche Äusserungen lassen tief blicken. Da hängt der IHK-Mann noch fest in den Denkstrukturen der autogerechten Stadt, die seinerzeit erst zur heutigen Misere geführt haben. Ja, Pendler haben ein Bedürfnis: Nämlich zügig, günstig und zuverlässig vom Heim zum Arbeitsplatz zu gelangen – aber genau dieses Bedürfnis gerät in Gefahr, in Zukunft in einer wachsenden Stadt nicht mehr befriedigt werden zu können – weil der motorisierte Individualverkehr die Lebensadern der Stadt verstopft. Münster befindet sich verkehrstechnisch an der Kapazitätsgrenze. Da kann man sich jeden Nachmittag unter der Woche am Ludgerikreisel von überzeugen.

Also gibt es zwei Varianten: Entweder man baut die Stadt autogerecht um, oder man sucht nach Alternativen. Ersteres haben andere Städte nach dem Krieg gemacht und sind damit böse auf die Nase gefallen. Man braucht nur einmal in die graueren Regionen des Ruhrgebiets fahren, um die Auswirkungen dieses Übels anzusehen. Etliche Städte, die sich seinerzeit stark dem Automobil unterworfen haben, sind heute mausetot: Entweder ist die Aufenthaltsqualität in der Innenstadt derart in den Keller gegangen, dass sich dort niemand mehr freiwillig aufhalten möchte – oder die „grüne Wiese“ hat dem Stadtkern das Leben ausgesogen, weil mit dem Angebot der großen Einkaufszentren auf dem Platten Land auf Dauer kein Innenstadthändler mithalten konnte.

Für Münster bleibt eigentlich nur die Möglichkeit, nach Alternativen zu suchen. Da der reine Innenstadtverkehr in Münster bereits überwiegend mit dem Fahrrad abgewickelt wird, muss der Pendlerverkehr ins Zentrum der Überlegungen rücken, um den drohenden Verkhersinfarkt der Innenstadt abzuwenden. Die Pendler müssen irgendwie dazu bewogen werden, auf ÖPNV und Fahrrad umzusteigen. Die Frage ist dabei eher, ob die Einführung von Tempo 30 alleine überhaupt ausreicht.

Unterschätzt die IHK Kaufkraft der Radfahrer?

Wenn Roberg gleichzeitig behauptet, man müsse die Attraktivität der Stadt für Auswärtige im Blick behalten, dann ist das eine schallende Ohrfeige für alle Menschen in der münsterschen Innenstadt, die durch ihren weitgehenden Verzicht auf ein eigenes Automobil das positivie Aussenbild der Stadt Münster so ungemein fördern. Roberg scheint zu verkennen, was für einen wichtigen Anteil die radfahrenden Münsteranerinnen und Münsteraner an der hohen Qualität des münsterschen Einzelhandels haben:

In der Innenstadt befinden sich dutzenden Fachhändler und Dienstleister, die es in anderen Städten schwer haben würden. Hoch spezialisierter Einzelhandel profitiert ungemein von einer EInwohnerschaft, die eben nicht mal einfach für ein Angebot auf die „grüne Wiese“ ausweichen kann und stattdessen einen gesunden Grundstock für Weinhändler, Spielzeugläden, Fotofachgeschäfte, Musikaliengeschäfte und so weiter, und so weiter bilden. Ausfallstraßen, an denen sich in anderen Städten allenfalls Euroshops und Bäckerfillialen ansiedeln können, sind in Münster lebendige Geschäftsstraßen geblieben, weil ein wesentlicher Teil der Einwohnerschaft der Stadt auf diese Händler angewiesen ist – und durch den Verzicht auf einen teuren, eigenen (Zweit-)wagen auch den notwendigen Euro übrig hat.

Eigene Klientel ist Hauptleidtragender

Am Ende stellt sich die Frage, wen Roberg und seine IHK überhaupt vertreten wollen: Die Händler, Dienstleister und Handwerksbetriebe der Innenstadt gehören momentan zu den Hauptleidtragenden der Verkehrsmisere. Natürlich sind gerade Handwerker und Händler von einer gewissen Befahrbarkeit der Innenstadt abhängig – sie sind es, die derzeit mit ihren Lieferwagen und Pritschenlastern im Pendlerstau hängen bleiben und wertvolle Arbeitszeit an den Verkehr verlieren. Gleichzeitig verhindert eine viel zu schmale Radverkehrsinfrastruktur, geeignete Transportaufgaben aus Dienstleistung und Handwerk auf Lastenräder umzustellen. Auch hier hilft nur, Pendlerverkehre vom MIV auf Fahrrad und öffentliche Verkehrsmittel umzulenken, damit das Gesamtverkehrsaufkommen in der Innenstadt bewältigt werden kann.

Aber vielleicht vertritt Roberg mit seiner IHK ja auch eine ganz andere Klientel: Personalintensive Teile der münsterschen Wirtschaft dürstet es nach günstigen Arbeitenehmern aus dem Umland. Gerade im Niedriglohnsektor wird in Münster eigentlich ständig gesucht, da kleine Gehälter die Lebenshaltungskosten in der Innenstadt nur schwer decken können und billige Aushilsstudenten seit der Einführung der Bologna-Reform drastisch weniger Stunden leisten können. Billige Arbeitskräfte aus dem nördlichen Ruhrgebiet, die dann mit dem Auto einpendeln, kämen da der IHK wahrscheinlich genau recht – sch… drauf, wenn die münstersche Innenstadt dabei im Verkehr absäuft.

 

3 Kommentare zu “Tempo 30: IHK lässt Maske fallen

  1. Mirjam

    Danke für diesen Artikel! Ich hatte den Zeitungsartikel seinerzeit auch gelesen und mir blieb die Spucke weg, wie man sich heute noch trauen kann eine so antiquierte Meinung in der Öffentlichkeit zu vertreten! Das musste mal ins rechte Licht gerückt werden.

  2. Doccy H

    Ich fahr selbst sehr viel mit dem Fahrrad durch MS, aber eben auch mit dem Auto und halte Tempo 30 für völlig bescheuert. Der Münsteraner Autofahrer pennt jetzt schon viel zu viel rum, wie soll das werden, wenn überall nur noch 30 gefahren werden darf?

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