Fahren Helmträger weniger Fahrrad?

Eine von YouGov durchgeführte Umfrage zum Tragen von Fahrradhelmen hat seit einigen Tagen wieder lebhafte Diskussionen im Internet zur Helmpflicht und zu Sinnhaftigkeit des Tragens von Fahrradhelmen angestoßen. Überraschendes Detail der Umfrage: Knapp 30 Prozent der befragten Fahrradfahrer gaben an, immer oder meistens einen Fahrradhelm zu tragen. Diese Zahl deckt sich jedoch nicht mit den regelmässigen Verkehrszählungen der Budesanstalt für Straßenwesen (BASt). Diese hatte vor einigen Wochen eine Helmtrageqoute von 17 Prozent für das Jahr 2014 veröffentlicht.

 

Infografik: Deutsche für Helmpflicht auf dem Fahrrad - tragen aber selbst selten einen Helm | Statista

Damit kommt von der Helmtrageqoute innerhalb der radfahrenden Bevölkerung lediglich eine gute Hälfte auf der Straße an – ein Ergebnis, das Fragen aufwirft.

Es gibt eigentlich nur zwei Möglichkeiten, die Differenz zwischen Umfrage und Verkehrszählungen logisch zu erklären: Entweder gibt es Fehler bzw. Ungenauigkeiten bei der Erhebung der Zahlen – oder aber Helmträger tragen entschieden weniger zur Gesamtkilometerleitstung der Bundesbürger mit dem Fahrrad bei.

Wie wurden die Zahlen erhoben?

Es ist daher zunächts notwendig, sich anzusehen, wie die entsprechenden Zahlen der Helmträger ermittelt worden sind. Die Helmtrageqoute der BASt wird seit Jahren bei den regelmässigen, innerörtlichen Verkehrszählungen erhoben. Diese Methode hat durchaus eine gewisse statistische Eleganz, denn die Verkehrsleistung der einzelnen Verkehrsteilnehmer fließt direkt über die Wahrscheinlichkeit mit ein, eine Zählstelle zu passieren: Wer mehr Kilometer auf dem Rad ableistet, hat auch eine höhere Wahrscheinlichkeit, durch eine Zählstelle der BASt zu fahren. Eine Pendlerin mit mehreren tausend Radkilometern geht also mit deutlich höherer Wahrscheinlichkeit in die Statistik ein, als jemand, der nur Sonntags für seine Brötchen ein paar hundert Meter zum Bäcker radelt.

Dennoch hat die Methode eine gewisse Schwachstelle: Gezählt wird von der BASt nur innerorts. Sportler und Tourenfahrer, die längere Überlandstrecken fahren, werden dadurch vermutlich unterrepräsentiert. Allerdings bleibt die Frage offen, in welchem Maße diese Gruppen überhaupt zum Radverkehr beitragen. Besonders der Anteil der Sportler dürfte trotz hoher individueller Fahrleistungen relativ gering sein, da sie eine äußerst kleine Gruppe im Gesamtkollektiv der Radfahrer bilden.

Bei eher touristisch orientierten Radfahrern hingegen dürften zwar die einzelnen saisonalen Leistungen recht hoch sein, über das Jahr gesehen fallen sie hingegen deutlich hinter Menschen zurück, die fast täglich, aber eben nur kürzere Strecken im Sattel sitzen.

YouGov hat seine Zahlen hingegen bei einer Umfrage erhoben – ob einzelne Befragte jetzt viele oder wenige Kilometer mit dem Rad unterwegs sind, fiel bei der Umfrage nicht ins Gewicht. Etwas unglücklich scheint die Fragestellung an sich gewesen zu sein, denn anstatt nach konkreten Anlässen zu fragen, konnten sich die Befragten nach Häufigkeiten entscheiden. Diese Unterscheidung dürfte besonders Sportlern schwergefallen sein, die lediglich bei Trainigsfahrten zu den Helmträgern zu zählen sind. Auf der anderen Seite konnten so die Befragten aber selbst gewichten – und erst dadurch werden die Zahlen überhaupt vergleichbar. Sie decken sich übrigens erstaunlich gut mit den Ergebnissen des letzten ADFC-Fahrradmonitors.

Beide Erhebungen zu Helmträgern machen somit einen relativ soliden Eindruck: Eine gewisse Ungenauigkeit kann zwar nicht ausgeschlossen werden, aber es ist eher unwahrscheinlich, dass hier ein höherer einstelliger Prozentbereich erreicht wird.

Sind Helmträger Fahrradmuffel?

Damit scheint sich der Verdacht zu bestätigen, dass Helmträger im Durchschnitt seltener radfahren, als Menschen, die auf den Helm verzichten. Da es innerhalb der Helmträger zudem mit den Sportlern eine Gruppe gibt, die mit ihren Trainigsfahrten sehr hohe Jahreskilometerleistungen ableistet, fällt bei den Gelegenheitsradfahrern der Unterschied zu Radfahrern ohne Helm womögliich noch drastischer aus. Die nächste Frage wäre, ob sich die Kilometerleistung der Helmträger durch den Helmkauf reduziert – oder aber die Anschaffung eines Helms eher auf magelnde Erfahrung beim Radfahren und deswegen häufiger (subjektiv und objektiv) wahrgenommen Gefährdungssituationen beruht.

Nicht nur die niedrigere Kilometerleitstung, auch die deutlich höhere Unfallbeteiligung helmtragender Radfahrer ergibt eine besorgniserregende Typologie: Helmträger scheinen insgesamt eher unsichere Radfahrer mit niedrigen Kilometerleistungen zu sein, die auf Grund mangelnder Verkehrserfahrung häufiger Unfallopfer werden.

Legt man eine solche Typologie zu Grunde, wird selbst die reine Werbung für Fahrradhelme durch Ordnungsbehörden und Polizei ethisch verwerflich, denn sie lenkt ausgerechnet jene Radfahrer von erprobten und bewährten Methoden zur Unfallvermeidung ab, die Verbesserungen des eigenen Fahrstils am Nötigsten hätten:

Das Geld für einen Fahrradhelm ist vermutlich bei einem Erwachsenen-Fahrtrainig des ADFC besser investiert…

4 Kommentare zu “Fahren Helmträger weniger Fahrrad?

  1. Hanns

    Um Statistiken zu verstehen, sollte man den Unterschied zwischen Korrelation und Kausalität drauf haben. Eine Umfrage der durchgeführten Art, kann nichts über Ursache-Wirkungsprinzipien sagen. So werden aus Vermutungen Tatsachen gedrechselt: weil zwei Dinge gleichzeitig oder in kurzer Folge auftreten, müssen sie noch lange nicht zusammenhängen. Das gilt sogar beim Thema Helmtragen.

    Behauptungen wie oben (Helmträger seien möglicherweise einfach unsichere Radfahrer) kenne ich noch aus den 80er: Auch Leute die den Sicherheitsgurt im Auto nicht anlegten, hielten sich für die überlegeneren Autofahrer. Jeder Autofahrer weiß, dass ein Gurt nur ein Baustein seiner Sicherheit ist, genauso wie es ordentliche Reifen, Bremsen etc. und schließlich das eigene Fahrkönnen sind.

    Schutz ist vor allem eine Frage der Vernunft. Ich selbst kenne mehrere Rettungssanitäter. Sie treffen bei Radunfällen häufig auf eine einfache Kausalität: Stoß -> Sturz -> Kopfverletzung. Auch mit Helm kann der Kopf beschädigt sein, aber die Schwere der Verletzungen unterscheidet sich erheblich. Ob die Radfahrer sportlich oder unsportlich sind, spielt dabei keine große Rolle. Ich kenne keinen einzigen Radfahrer, der Stürze auf die Straße übt. Der Kopf ist beim Menschen meist ein klobiges Ding, das bei einem Sturz recht unsanft auf den Asphalt knallen kann.

    Kurz gesagt: Wer mit banalen Statistiken gegen das Helmtragen argumentiert, war noch nie selbst bei einem Radunfall zugegen und versteht noch nicht einmal, einfache Charts zu interpretieren. Daher sollten sich solche Leute hüten im Sommer Eis zu essen oder Schwimmen zu gehen: Nachweislich wird im Sommer viel Eis gegessen und nachweislich ertrinken viele Menschen im Sommer. Mit dem oben gezeigten Statistik-Skills müssen sie nämlich Angst haben. Kleiner Tipp: Im Internet gibt es viel zum Thema „Kausalität“ und „Korrelation“.

    Wenn all das sitzt, dann möge der Autor des Artikels mal ein paar klare Hypothesen formulieren und damit eine ordentliche Studie machen. Über diese Ergebnisse können wir reden. Solange sollten wir alle glauben: Ein Helm schützt den Schädel beim Aufprall auf den Asphalt. Diese These kann jeder testen.

    1. Rasmus Richter Autor des Beitrags

      Da gibt es nur zwei, drei Probleme: Ich war selbst Zivi beim Rettungsdienst, danach ab und an Ersthelfer bei Unfällen. Im Jurastudium (habe ich später abgebrochen) hatte ich dann in den Nebenveranstaltungen mit Kriminologie und Rechtsmedizin zu tun – mich haben diese Dinge letztlich mehr interessiert, als die dröge Juristerei. So Dinge wie Kauslität und Korrelation sitzen bei mir – ebenso ist mir klar, dass sozioökonomische Effekte genügend Potential entwickeln können, um Studienergebnisse ins Gegenteil zu verkehren.

      In den bisherigen Forschungsarbeiten, die ich zu diesem Thema gelesen habe, wurden gerade Kausalität und Korrelation böse durcheinandergewirbelt, weil die Forscher in ihren Fallkontrollstudien nicht genügend auf die Zusammensetzung der Fallgruppen achtgegeben haben. Der Zusammenhang zwischen Helmtragen, Unfallschwere und Alkoholeinfluß beispielsweise wird mir sicherlich noch einen Artikel wert sein.

      Aber um meine eigene Hypothese – wie gefordert – einmal hier festzuhalten:

      Ich gehe momentan davon aus, dass Helme bei oberflächlichen (!) Verletzungen durchaus wirken. Die doppelt so hohe Unfallrate bei Helmträgern erkläre ich mir durch einen verkehrspsychologischen Effekt: Radfahrer, die häufig subjektiv Gefahrensituationen im Verkehr wahrnehmen, kaufen sich wahrscheinlich eher einen Helm, als Radfahrer, die sich sicher fühlen. Der subjektiven Empfindung gehen dabei vermutlich objektive Fahrfehler voraus (ungenügender Sicherheitsabstand, Geisterfahrerei, schlechte Beherrschung des Fahrrads etc.). Anstatt diese objektiven Defizite auszuräumen, greifen die unsicheren Radfahrer also zum Helm – die fahrerischen Defizite bleiben bestehen und es kommt weiterhin zu Unfällen. Deswegen halte ich es für fatal, für das Tragen von Fahrradhelmen zu werben und deswegen engagiere ich mich so gegen sie.

    2. Lothar Krüger

      Danke für diese Klarstellungen und Deine Reduktion auf`s Wesentliche. So kompliziert es auch sein mag die allgemeingültige Aussage zu untermauern, daß Fahrradhelme zur Verkehrssicherheit beitragen ,so klar bleibt eben die Tatsache das sie der einzig wirksame Schutz sind den schweren menschlichen Kopf beim Aufprall so zu schützen, daß Schädelbrüch und schwere Gehirnerschütterungen vermieden werden können.

  2. Explosiv

    Als Bergmann bin ich Helmtragen gewohnt und fahre deshalb immer mit Helm. Er belastet mich nicht und dient sogar als Träger von Zubehör wie einer Zusatzlampe für Nachtfahrten.
    Es ist aber nicht jeder an´s Helmtragen gewöhnt wie ich. Viele betrachten es als Zumutung, so ein Ding bei körperlichen Anstrengungen und womöglich warmem Klima zu tragen. Eine Helmpflicht oder Einräumung einer Teilschuld nach Unfall ohne Helm hält diese Leute davon ab, das Rad wie gewünscht zu nutzen. Der gesellschaftliche Nachteil durch den Verzicht auf die salutogene Wirkung des Radfahrens übersteigt die Folgen der wenigen Radverkehrsunfälle mit Dauerschäden durch Kopfverletzung bei weitem. Wobei unklar ist, wieviele dieser Fälle tatsächlich mit Helm vermieden oder weniger heftig gewesen wären.
    Trotz der geringen Fallzahlen schaut aber alles auf den Radverkehr.
    Im KFZ-Verkehr gibt es erheblich mehr Unfälle, Verletzte und Tote. Innerhalb der KFZ, wohlgemerkt. Eine stattliche Anzahl davon stirbt an Kopfverletzungen und eine ebenfalls stattliche Anzahl trägt Dauerschäden durch Kopftraumata davon.
    Und obwohl hier meist keine körperlich anstrengende Fortbwegung vorliegt und bei warmen Bedingungen meist eine Klimaanlage zum Einsatz kommt, schlägt niemand ernsthaft eine Helmpflicht für mehrspurige KFZ vor- von Quads mal ausgenommen.

    Ich find es richtig, Kinder mit noch weichen Schädelknochen und schwacher Halsmuskulatur Helme aufzusetzen. Sie lernen das Radfahren erst und die Gefahr von Alleinunfällen ist noch relativ hoch. Auch gewöhnen sie sich so eventuell an den Helm und tragen ihn später freiwillig. Btw., noch dringender sollten sie ihn im KFZ ihrer Eltern tragen, denn dort sterben die meisten von ihnen im Straßenverkehr.

    Aber Jugendliche und Erwachsene sollten selbst entscheiden können.
    Und die Propaganda für den Helm soll imho nur von dem Unwillen ablenken, eine gescheite Infrastruktur für alle Verkehrsarten bereitzustellen, die die Gefahren, vor denen der Helm schützen soll, drastisch reduzieren würde. In Holland z.B. würde diese Diskussion erst gar nicht geführt.

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