Rechnen lernen mit den Westfälischen Nachrichten

Eine durchaus erfreuliche Entwicklung in der münsterschen Lokalpresse soll an dieser Stelle nicht vorenthalten werden: Erst vor ein paar Tagen hatte Siegfried Brockmann von der Unfallforschung der Versicherer (UdV) in Warendorf anlässlich einiger Crashtests verstärkte Entwicklungen seitens der Autoindustrie zu Notbremsungen gefordert. Brockmann Pressemitteilung scheint etwas unsauber gewesen zu sein, denn etliche Medien titelten so Dinge wie „Deutlich mehr Fahhradfahrer sterben im Straßenverkehr“. Das ist natürlich ziemlicher Käse: Seit Jahren sind die absoluten Zahlen der im Straßenverkehr getöteten Radfahrer rückläufig – wenn auch nicht konstant. Gestiegen ist allenfalls der Anteil der Radfahrer an allen tödlichen Verkehrsunfällen, wie Günter Benning in einem Artikel der WN jetzt anschaulich nachgerechnet hat.

Das ist schon mal ein deutlicher Fortschritt: Nur all zu oft übernehmen gerade Lokal- und Regionalzeitungen die Schlußfolgerungen von Polizei, Krankenhäusern, Unfallversicherern und anderen Institutionen blind, ohne selbst einen kritischen, hinterfragenden Blick auf die zu Grunde liegenden Statistiken geworfen zu haben. Oft genug werden aber in Verkehrsunfallstatistiken Dinge hineininterpretiert, für welche die Erhebnungen gar nicht aussagekräftig sind. Kriminologen können zu dem Thema im Bezug auf die polizeiliche Kriminalstatistik abendfüllende Vorträge halten…

Ist der Anteil überhaupt aussagekräftig?

Ein kleines Detail ist dem Redakteur der WN dann aber leider doch durchgegangen – was ihm aber hier nicht vorgeworfen werden soll, denn es handelt sich um extremes Detailwissen. Die Studie des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) hatte die Unfallzahlen der Jahre 2004 und 2014 miteinander verglichen. Der Anteil der getöteten Radfahrer betrug im Jahr 2004 lediglich gute acht Prozent. Im Jahr 2014 hingegen waren es knappe zwölf Prozent. Allerdings: Das Jahr 2004 war ein statistischer Ausreißer nach unten. In den zehn Jahren zuvor war die Anzahl der getöten Radfahrer nur zwei Mal (1996 und 2002) unter eine Marke von 600 Unfallopfern gesunken. Einer der wahrscheinlichen Gründe hierfür dürfte die vergleichweise schlechte Witterung des Jahres 2004 gewesen sein: Auf den Jahrhundertsommer 2003 folgte ein deutlich wechselhafteres Jahr. Eine Rolle mag auch gespielt haben, dass stärker gefährderte Freizeitradler im Jahr 2003 mehr Fahrpraxis sammeln konnten und folglich im darauffolgenden Jahr weniger Risiken eingingen.Anteil

Sieht man sich die Zahlen von vor 2004 noch genauer an, so wird deutlich, dass die Kenngröße des Anteils getöteter Radfahrer an allen Unfallopfern keine sonderlich belastbare Ausgangsbasis bildet. So ist ein deutlicher „Einheitsknick“ erkennbar. Vor der Wiedervereinigung lag der Anteil getöteter Radfahrer relativ konstant zwischen zehn und elf Prozent. Mit der Wiedervereinigung (auch der Unfallstatistik) sackt dieser Wert auf acht Prozent durch, um dann nach und nach wieder auf den heutigen Wert zu steigen. Er ist dabei – wie bereits beschrieben – stark witterungsabhängig.

Es stellt sich also die Frage, ob hieraus wirklich Aussagen über die Verkehrssicherheit des Fahrrads abgeleitet werden können, oder ob Wert lediglich den Radverkehrsanteil widerspiegelt. Aber wen ficht das schon an, wenn man so schön eine knackige Überschrift aus den Zahlen herausprügeln kann? Die WN ist diesmal dieser Versuchung nicht erlegen. Und das gibt durchaus Anlass zur Hoffnung, denn das hatte ich in der Vergangenheit schon anders erlebt…

Ein Kommentar zu “Rechnen lernen mit den Westfälischen Nachrichten

  1. Kai Teranski

    Ich verstehe wirklich nicht, wieso hier von einem „Anteil“ gesprochen wird. Ausser zu dem Zweck, den Radfahrern einen negativen Spin unterschieben zu können. Bei zwei statistischen Grössen, die nichts miteinander zu tun haben.

    Da die Zahl der getöteten Radfahrer seit Jahren stark rückläufig ist, bei gleichzeitig stark steigenden Nutzerzahlen, musste wohl mal etwas neues her. Seriös ausgedrückt hätte die GDV schreiben müssen „Die Zahl der tödlich verunglückten Autofahrer sinkt stärker als bei den Radfahrern. Dies möchten wir gerne durch folgende Massnahmen ändern:…“ Der Vergleich mit dem „Anteil“ ist Unsinn.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Durch das Fortsetzen der Benutzung dieser Seite, stimmst du der Benutzung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen", um Ihnen das beste Surferlebnis möglich zu geben. Wenn Sie diese Website ohne Änderung Ihrer Cookie-Einstellungen zu verwenden fortzufahren, oder klicken Sie auf "Akzeptieren" unten, dann erklären Sie sich mit diesen.

Schließen