Diese Behörde gefährdet Ihre Gesundheit

Anfang letzter Woche hat ein Hauseigentümer an der Warendorfer Straße, kurz vor der Bahnunterführung stadteinwärts, schweres Gerät aufgefahren. An einem der Häuser sind anscheinend Fassaden- oder Dacharbeiten notwendig geworden. Seither steht auf meinem täglichen Weg zur Arbeit ein ausgewachsener mobiler Teleskopkran.

Baustelle an der Warendorfer Straße

Baustelle Warendorfer Straße recto: Breiter als der ursprüngliche Radweg – was keine große Schwierigkeit ist.

Aber da die Stadt Münster ja eine hervorragende Fahrradstadt ist, hat deren Verwaltung dankenswerter Weise eine Behelfslösung ersonnen:

Derzeit wird die Hauptzufahrt für Radfahrer aus Richtung Mauritz zur Promenade zusammen mit den Fußgängern durch eine knapp zwei Meter breite Unterführung geleitet, die abrupt an der Zufahrt zum Parkplatz des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL) endet. Während die Unterführung für münstersche Verhältnisse mit knappen zwei Metern noch überraschend breit ist (sie ist natürlich trotzdem zu den Stoßzeiten hoffnungslos überlastet, sodass sich Fußgänger und Radfahrer zwangsläufig in die Quere kommen müssen), ist das Ende auf der gut frequentierten Parkplatzzufahrt wieder mal eine planerische Höchstleistung: Eine totsichere Radfahrerabschußrampe… Man kann nur hoffen, dass die Bauphase ohne Unfall über die Bühne geht, denn die Ausfahrt der Behelfsführung ist weder von der Fahrbahn der Warendorfer Straße, noch aus Richtung des LWL-Parkplatzes einsehbar. Damit ist die Stelle geradzu prädestiniert für einen schweren Abbiegeunfall.

Die Baustelle an der Warendorfer Straße von hinten.

Baustelle Warendorfer Straße verso: Abruptes Ende auf der Parkplatzzufahrt

Baustellenführungen wie diese haben in Münster ungute Tradition. Weil das so ist, weil ich dort wirklich jeden Tag vorbei muss und weil ich direkt am ersten Tag eine Konfrontation mit einem selbsernannten Aushilfsblockwart im Blechmantel hatte, weil ich solchen planerischen – mit Verlaub gesagt – Dreck selbstverständlich auf der Fahrbahn umgehe, rufe ich direkt bei der für solche Fehlleistungen verantwortlichen Behörde an: Dem Tiefbauamt der Stadt Münster.

Nach ein wenig Zuordnungsgeschacher innerhalb der Behörde (es macht hierbei einen Unterschied, ob die Stadt selbst baut – oder aber ein Privatmann eine Sondernutzung von Straßenteilen beantragt hat), lande ich bei dem Beamten, der die Aufstellung der Schilder geplant und abgesegnet hat: Werner Bücker vom Tiefbauamt. Es wird ein lautes Gespräch. Mein Ton in solchen Angelegenheiten ist inzwischen nicht mehr freundlich – in meinen bisherigen Auseinandersetzungen mit der Stadtverwaltung Münster habe ich bisher die Erfahrung gemacht, dass Freundlichkeit mit Weichheit verwechselt wird und die entsprechenden Beamten dann versuchen, ihre Fehlleistungen und dilettantische Arbeitsweise durch Hinhaltetaktiken zu kaschieren. Es ist ein Gespräch, in dem ich unmissverständlich fordere, dass die unzureichende Ausgestaltung der Baustellenführung unverzüglich zu einer Fahrbahnführung für den Radverkehr mit entsprechenden Auffahrhilfen vor und nach der Baustelle abgeändert wird.

Das Ganze endet jedoch fruchtlos, denn Werner Bücker hat erheblichen fachlichen Nachholbedarf, was eine fahrradgerechte Ausgestaltung von Baustellen angeht:

Bücker wird in diesem Gespräch nicht müde, auf die „Richtlinien für die Sicherheit von Arbeitsstellen an Straßen “ (RSA) hinzuweisen. Dabei handelt es sich um das in Deutschland verbindliche Regelwerk für Baustellenabsicherung. Doch dahinter verbirgt sich durchaus Zündstoff: Die Richtlinien sind bereits 1995 letztmalig aktualisiert worden. Also gute zwei Jahre vor Wegfall der allgemeinen Radwegebenutzungspflicht. Im Hinblick auf die Führung von Radverkehr an Baustellen ist das Regelwerk völlig veraltet: Es gesteht Radfahrern lediglich einen Raum von möglichst 80 cm zu und hält 1,60 m für die gemeinsame Führung von Radfahrern und Fußgängern für vollkommen ausreichend. Bei Wegfall des Geh- oder Radwegs priorisiert es noch die Weiterführung des Radverkehrs im Seitenraum, obwohl dies die StVO seit 1998 eigentlich nicht mehr hergibt. Hinweise zur Oberflächenbeschaffenheit der Behelfsführung sind gar nicht vorhanden.

Dabei gibt es inzwischen deutlich radfahrer- und fußgängerfreundliche Erweiterungen der RSA durch die „AG fahrradfreundliche Städte in NRW“ (AGFS), deren Mitglied auch die Stadt Münster ist. An der Erstellung der Broschüre war die Bezirksregierung Münster direkt beteiligt und die Erweiterungen werden vom Verkehrsministerium NRW ausdrücklich zur Anwendung empfohlen. Blöd nur, wenn so eine Broschüre von den ausführenden Beamten ignoriert wird…

Baustellen sind für Radfahrer heikel

Während die Verfehlungen der münsterschen Verkehrsplanung eher abstrakte Gefahrenlagen hervorrufen und zumeist noch ein Fehlverhalten eines Verkehrsteilnehmers notwendig ist, um in die Katastrophe zu schlittern, setzt das Tiefbauamt durch Pfusch und den Einsatz veralteter Regelwerke bei der Absicherung von Baustellen konkrete Gefahrstellen:

Provisorische Führungen an Baustellen sind für Fahrradfahrer besonders heikel und fordern der ausführenden Behörde deutlich mehr Fingerspitzengefühl ab, als es bei Führungen für den Krafverkehr der Fall ist. Bei Baustellenführungen für Kraftfahrer kommt es in erster Linie darauf an, die Geschwindigkeit rechtzeitig herauszunehmen – nicht umsonst sind Geschwindigkeitsübetretungen in Baustellenbereichen für KfZ-Führer erheblich teurer und folgenreicher, als allgegenwärtige „normale“ Raserei. Allenfalls die deutlich niedrigeren Kapazitäten bringen die Köpfe der Planer regelmässig zum Rauchen.

Bei Fahrradfahrern jedoch ist vor allem die Sturzgefahr problematisch: Eine Behelfsführung muss so gestaltet werden, dass möglichst keine Unebenheiten im Fahrweg bestehen. Einfach langsamer zu fahren hilft beim Fahrrad nicht, da mit der Geschwindigkeit auch die Fahrstabilität abnimmt. Jeder, der freihändig Radfahren kann, kennt den Effekt, dass dies bei höheren Geschwindikeiten zunehmend einfacher wird.

Auch die Breite der Baustellenführung muss ausreichend sein. An Straßen mit wenig Radverkehr reichen Breiten ab einem Meter auf kurzen Strecken durchaus aus. Diesen einen Meter benötigt ein Radfahrer, um auch bei etwas unsicherer Fahrweise nicht vom Radweg abzukommen. Für Münster muss aber direkt eingeschränkt werden, dass es hierzustadt solche Straßen mit wenig Radverkehr einfach nicht gibt. Hier sind so viele Fahrradfahrer unterwegs, dass praktisch jederzeit eine zu schmale Radverkehrsführung zum Nadelöhr wird. Pulkbildung und Sturzgefahr inklusive.

Besonders gefährdet: Ältere Radfahrer

Hauptleidtragende solch verpfuschter Baustellenführungen sind ausgerechnet jede Radfahrerinnen und Radfahrer, die ohnehin schon besonders unfallgefährdet sind: Ältere Menschen, die nicht (mehr) in der Lage sind, ihr Fahrrad auf unebenen Geläuf sicher zu führen. Auch der Trend zu Lastenrädern und Kinderanhängern fordert Baustellenführungen, die nicht nur mit einem vollgefederten Mountainbike befahrbar sind.

Das Tiefbauamt der Stadt Münster ist bei diesen Herausforderungen jedoch ein Totalausfall. MIr ist keine einzige Baustellenführung innerhalb der vergangenen Jahre bekannt, die auch nur ansatzweise den Ansprüchen der Fahrradfahrer (und auch Fußgänger) gerecht geworden wäre. Stattdessen findet sich wieder und wieder eine verhängnisvolle Neigung zur bedingungslosen Aufrechterhaltung des motorisierten Individualverkehrs auf Kosten verletzlicherer Verkehrsteilnehmer.

Einige Beispiele:

  • Neugestaltung der Warendorfer Straße zwischen Ring und Kanal im Jahr 2013: Während über nahezu die gesamte Bauphase schafft es das Tiefbauamt, asphaltierte und ebene Zweirichtungsfahrspuren für den Kraftverkehr freizuhalten. Radverkehr und Fußgänger werden derweil über mehrere Kilometerm Seitenraum hinter Absperrungen zusammengepfercht. Die Wege im Seitenraum sind wegen Arbeiten an den Rohrleitungen jedoch unebenes Flickwerk und bergen eine erhebliche Sturzgefahr in sich. Der WInterdienst bricht zeitweise zusammen, weil die Behelfswege zu schmal für Räumfahrzeuge sind.
  • Bült (aktuell, 2015): Kurz hinter der Bushaltestelle Bült in Richtung Mauritztor baut das Tiefbauamt ein regelrechtes Labyrinth für Fußgänger auf. Die Beschilderung (erst Gehweg, dann gemeinsamer, benutzungspflichtiger Geh- und Radweg) ist uneindeutig.
  • Andreas-Hofer-Straße (aktuell, 2015): Kurz hinter der Einmündung der Wolbecker Straße beginnt eine längere Baustelle. Ein nichtig benutzungspflichtiger, weniger als einen Meter breiter Radweg wird vorübergehend zu einem gemeinsam Geh- und Radweg umgedeutet.
  • Piusallee (aktuell, 2015): Trotz mehrerer Baustellen entlang eines deutlich zu schmalen benutzungspflichtigen Radwegs wird an der Benutzungspflicht festgehalten. Die Straße ist dabei für den Kraftverkehr völlig zu vernachlässigen.

 

Umleitungen? Fehlanzeige.

Nicht nur die Baustellen an sich bergen Probleme: Das Tiefbauamt versagt auch bei der hinreichenden Ausweisung von Umleitungen. Bei Sperrungen der Promenade beispielsweise, finden sich Fahrradfahrer und Fußgänger immer wieder vor Absperrungen wieder, ohne dass auf Alternativrouten irgendwie hingewiesen würde. Wenn eine Abfahrt der A 7 gesperrt wird, wird selbstverständlich großräumig umgeleitet, aber wenn die Promenade teilweise nicht passierbar ist, bleiben die Fahrradfahrer auf sich gestellt.

Fazit:

Es ist nicht schlimm, wenn mal keine optimale Lösung gefunden werden kann. Doch das Tiefbauamt Münster ignoriert bei der Anlage von Baustellen die Bedürfnisse und Anforderungen des starken Radverkehrs in Münster konsequent. Es scheint, dass den zuständigen Beamten überhaupt nicht klar ist, dass sie hier eine erhebliche Verantwortung tragen. In der Behörde herrscht eine kaum ersträgliche Selbstgefälligkeit, ja ein offener Wille zur Diskriminierung nichtmotorisierter Verkehrsteilnehmer.

Diese Behörde bekämpft keine Gefahren, sie ist eine Gefahr.

Upadete:

Zur Baustelle am LWL-Parkplatz gibt’s jetzt einen Nachschlag…

4 Kommentare zu “Diese Behörde gefährdet Ihre Gesundheit

  1. Bernd

    Während des Neubaus der NRW-Bank sah es ähnlich aus. Zweispurige Fahrbahn mündet in einer überbreiten Fahrbahn und Fußgänger und Rad fahrende durften sich 1,50 m teilen.

  2. Pingback: Richtlinien für die Sicherheit von Arbeitsstellen an Straßen | rad[irr]wege

  3. Balu

    Vielleicht muss ich dem Tiefbauamt mal mein Liegerad mit drei Rädern zeigen, damit die merken, wieso solche Schmalspur-Radwege ein Problem sind. 🙂

  4. Bernd

    Das Ordnungsamt in Münster scheint sich auf schnelle Noteinsätze beim Grillen an der falschen Stelle an der Promenade spezialisiert zu haben. Anscheinend darf man mit dem Pkw an der Steinfurter Straße und im gesamten Kreuzviertel nach Lust und Laune auf Rad- und Gehwegen parken.

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