Kommentar: Bei sowas muss der Lappen weg sein

In der Hauptstadt erhitzt gerade ein ähnlicher Unfall die Gemüter, wie wir ihn in Münster vor einem knappen Jahr selbst erlebt haben: Ein LKW-Fahrer mißachtete ein Rotlicht und überfuhr einen 57jährigen Fahrradfahrer, der kurze Zeit später im Krankenhaus seinen Verletzungen erlag. Vor einer Woche erging gegen den Täter das Urteil: Er erhielt eine Geldstrafe von 5250 Euro und muss daneben die Prozesskosten tragen – seinen Führerschein darf der Berufskraftfahrer aber behalten.

Eines vorweg: Ich bin kein Freund drakonischer Strafen. Eine verdammt gute Kriminologie-Vorlesung an der Uni Münster hatte mich innerhalb meines später abgebrochenen Jurastudiums ziemlich eingenordet. Gerade der Abschreckungswirkung hoher Strafen stehe ich ziemlich skeptisch gegenüber und die Strafbarkeit von Fahrlässigkeitsdelikten ist noch einmal so eine Sache für sich. Strafrichtern obliegt meiner Ansicht nach bei der Wahl des Strafmaßes und der Auswahl der Strafe (Freiheits- und Geldstrafen, Bewährungsstrafen oder Täter-Opfer-Ausgleich etc.) eine hohe Verantwortung – denn bei einer zu hohen Strafe und der daraus resultierenden Perspektivlosigkeit des Täters ist die nächste Tat oft schon vorprogrammiert.

Gleichzeitig sehe ich Kraftfahrer, die den Tod eines anderen Verkehrsteilnehmers angelastet bekommen haben, ebenso als Opfer risikoreicher Verkehrsplanungen an, wie die getöteten und verletzten Unfallopfer selbst. Oft leiden die Täter ihr Leben lang unter den Folgen, die sie in einem Augenblick kurzer Unaufmerksamkeit ausgelöst hatten. Hier in Münster gab es beispielsweise einen LKW-Fahrer, der sich einige Jahre nach einem Unfall selbst das Leben nahm – er hatte beim Abbiegen ein Kind mit dem LKW zu Tode gefahren.

Auf der anderen Seite gibt es nur wenige Gebiete, auf denen generalpräventive Ansätze – wie der Führerscheinentzug eines ist – so gut funktionieren, wie bei Verkehrsdelikten. Private Fahrer müssen nach Entzug des Führerscheins jederzeit damit rechnen, in eine Verkehrskontrolle zu geraten – ein ewiger Spießroutenlauf, wenn man sich nicht an das Fahrverbot hält. Berufskraftfahrer haben – lautere Arbeitgeber vorausgesetzt – überhaupt keine Chance, sich wieder hinter das Steuer setzen zu dürfen.

Der Berliner LKW-Fahrer hatte seinen Führerschein bereits einmal abgeben müssen. Daneben stand wohl noch eine Reihe von Vorstrafen im Raum, die aber mit seiner Befähigung zum Führen eines LKW nicht im Zusammenhang stehen. Was aber noch auffällig ist: Die Ampel zeigte bis zum passieren des LKW mindestens vier Sekunden lang rot, das hatte der Sachverständige dem Gericht berichtet. Vier Sekunden lang war der LKW-Fahrer also abgelenkt – ob das jetzt Sekundenschlaf oder ein Smartphone war, wird nur er selbst wissen.

Wer vier Sekunden lang als Lenker eines LKW eine rote Ampel nicht mitbekommt, sollte dringend zur MPU geschickt werden – und das unabhängig vom restlichen Strafmaß. Jeden Pilot, Kapitän oder Triebfahrzeugführer würde man nämlich gründlich auf den Kopf stellen. Aber Kraftfahrer scheinen da irgendwelche Sonderrechte zu genießen…

2 Kommentare zu “Kommentar: Bei sowas muss der Lappen weg sein

  1. Hein Bloed

    Ich habe übrigens in der ADAC-Motorwelt (sic!) gelesen, dass nach drei Jahren 40% der Personen, die zur MPU geschickt worden sind, wieder Verkehrsdelikte begehen.

    Ziemlich hohe Rückfallquote.

    1. Rasmus Richter Autor des Beitrags

      Kommt darauf an. Verkehrsdelikte sind ja relativ weit gefächert. Bei „normalen“ Straftaten liegt die Rückfallqoute bei 35 Prozent.. Bei Mord sind’s unter 20 Prozent, bei Räubern, Dieben und Erpressern über die Hälfte. Von einem echten Rückfall würde ich da erst ausgehen, wenn jemand wieder so viele Punkte sammelt oder sich die Hucke vollaufen läßt, dass er den Lappen erneut abgeben darf.

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