Auf dem Weg in den Dauerstau

Mittwochs und Samstags gehört der münstersche Domplatz den Händlern: Dicht an dicht drängen sich dann die Verkaufszelte und -wagen auf dem Kopfsteinpflaster zwischen Bezirksregierung, Fürstenberghaus und der spätromanischen Kathedrale. Durch die schmalen Gassen der kleinen Zeltstadt zieht der Duft von französischem Käse, orientalischen Gewürzen und holländischem Backfisch, die Auslagen der Obst- und Gemüsehändler leuchten in sattem Paprikarot, frischen Zitronengelb und saisonalem Zwetschgenblau. Wer’s westfälischer mag, der findet hier die würzigsten Mettenden und die erdigsten Kartoffeln der Stadt.

Zwischen all dem tummeln sich die Menschen der Stadt und des Umlands, schlendern und schieben sich bepackt mit Weintrauben und Porreestangen, Ananas und Metzgertüten, Schnittblumen und Kräutertöpfen von Stand zu Stand, halten bei einem Latte Machiato inne, probieren griechische Oliven und persisches Dörrobst.

Wochenmarkt auf dem Domplatz in Münster

Kirche im Dorf: Wochenmarkt auf dem Domplatz in Münster

Man trifft sich. Der Wochenmarkt ist einer der wenigen Orte der Stadt, an denen sich aus überschminkten Professorengattinnen, veganen Philosophiestundenten, westfälischen Großmütterchen, übriggebliebenen Althippies, spröden, aber hübschen Jura-Doktorandinnen und behäbigen Verwaltungsbeamten eine wirkliche Melange bildet. Der Wochenmarkt, das kann man so festhalten, ist der große Schmelztiegel der Stadt.

Blöd nur, dass es immer schwieriger wird, dort auch hinzugelangen.

Das Wolfsgeheul beginnt

Woche für Woche zeigt sich an den beiden Markttagen das Dilemma, in das die Stadt Münster sich mehr und mehr verstrickt und das letztlich eine immer unübersehbarere Gefahr für die Lebensqualität in der Innenstadt wird: Münster ersäuft zunehmend im Verkehr. Der zweispurige Ludgerikreisel erstarrt nicht nur dann, sondern inzwischen täglich zur Rush Hour zwischen 15 und 18 Uhr im Dauerstau. Mittwochs und Samstags staut sich die Rechtsabbiegerspur auf der Von-Vincke-Straße in Richtung Innenstadt gerne mal mehrere hundert Meter zurück bis zum Servatiiplatz.

Inzwischen ist das Verkehrsdilemma auch bei den traditionell bestens vernetzten Innenstadthändlern angekommen. Deren Kunden verbringen nämlich mehr und mehr Zeit mit der Parkplatzsuche, als beim Geldausgeben. Und wenn immer Händler ihre Geschäfte in Gefahr sehen, so setzt das Rudel – hier in Form der Initiative Starke Innenstadt (ISI) und ihrem Leitwolf Tobias Viehoff – zum immer gleichen Wolfsgeheul ein: Der Forderung nach mehr Parkplätzen.

Treffliche Ideen, wie man denn an den Markttagen noch ein paar Parkplätze mehr herauskitzeln könnte, haben IHK und EInzelhändler dann auch gleich parat: Man reckt die Krakenarme in Richtung Universitätsflächen und Schulhöfen, um diese dann zu den Spitzenzeiten auch noch mit Blech zustellen zu können.

Auf die Idee, dass das Hauptproblem nicht zu wenige Parkplätze, sondern zu viele Autos sind, kommen Menschen wie Viehoff freilich nicht. Sie verweigern sich der Erkenntnis vieler anderer erfolgreicher europäischer Städte, dass eher zu viele Parkplätze und zu viel Individualverkehr die größte Gefahr für ihre Umsätze sind – und der Erkenntnis, dass die gute Vernetzung mit der (konservativen) Politik und Kumpanei mit dem Ordnungsamt den Erfolg der Stadt Münster nach und nach unterminiert. Die Verkehrsplanung der Stadt Münster, seit Jahren dominiert von CDU-Mann Martin Schulze-Werner, trägt jedenfalls ordentlich Mitschuld an dem Verkehrschaos, das die Lebensqualität in der Innenstadt mehr und mehr in den Würgegriff nimmt.

Nachhaltige Verkehrsplanung? Fehlanzeige…

Wenn es so etwas gibt, wie den absoluten Sündenfall, an dem sich völlige Planlosigkeit der Verkehrsplanung der Stadt Münster erläutern läßt, so ist es die Königsstraße – oder genauer gesagt, die dort befindliche Tiefgarage der Münster-Arkaden, eingerichtet erst vor wenigen Jahren mit dem Bau des innerstädtischen Einkaufszentrums. Die Königsstraße ist eine relativ kleine Straße, die parallel zu einer der beiden großen Fußgängerzonen, der Ludgeristraße verläuft. Sie bildet dabei als Verlängerung der Hammer Straße in den direkten Stadtkern die Fahrzeugverbindung vom Ludgerikreisel zum Domplatz bzw. zu den zentralen Universitätsgebäuden wie der Universitäts- und Landesbibliothek, dem Juridicum oder dem Fürstenberghaus. Wer aus Richtung Süden – egal, mit welchem Verkehrsmittel – in Münsters ältesten Kern fahren möchte, der hat eigentlich kaum eine andere Wahl, als diese Straße zu benutzen. Dennoch wurde sie immer etwas stiefmütterlich behandelt. Das alte Kopfsteinpflaster war entsprechend schlecht. Privater Kraftverkehr mied die Straße lange Jahre und nahm den kleinen Umweg über die Aegdiistraße zum dortigen Großparkhaus unter dem Aegidiimarkt in Kauf auf.

Seinerzeit lief die Straße als Einbahnstraße stadtauswärts, zu beiden Seiten der Fahrbahn verlief ein typisch münsterscher Bordsteinradweg für Fahrradfahrer – bei Einrichtung die einzige Möglichkeit, legal eine Einbahnstraße gegenläufig für Radfahrer zu öffnen und ausnahmsweise durchaus fahrradfreundlich gemeint, wenn auch nach heutigen Maßstäben deutlich zu schmal. Auch weil sich das Kopfsteinpflaster der Königsstraße auf den Radwegen umfahren ließ, war sie eine bei den Radfahrern sehr beliebte Route.

Mit der Errichtung der Münster-Arkaden änderte sich das: Im Untergeschoß des Centers befindet sich eine großzügige Tiefgarage, während halbwegs brauchbare Fahrradabstellanlagen von den zuständigen Ämtern regelrecht vergessen wurden. Aber nicht nur das:

Die Anfahrt zur Tiefgarage lief in den ersten Jahren nach deren Bau über die Rothenburg – eine kurze Verbindung zur Aegidiistraße und Universitätsstraße. Die Abfahrt erfolgte in Richtung Ludgerikreisel über die Königsstraße – damals noch Einbahnstraße. Nur ein paar Jahre nach Bau der Tiefgarage wurde die Rothenburg jedoch mit (hochgradig fahrradfreundlichem, harr, harr) Kopfsteinpflaster saniert und für den motorisierten Individualverkehr gesperrt. Ein wahrer Schildbürgerstreich, denn die Tiefgarage unter den Arkaden konnte nicht einfach so „auf links“ gedreht werden: Die Königsstraße wurde inzwischen ebenfalls mit (hochgradig fahrradfreundlichem, harr, harr) Kopfsteinpflaser saniert und gleichzeitig ihrer Fahrradwege beraubt, damit der Kraftverkehr in beide Richtungen fließen kann. Ausfahrt und Einfahrt der Tiefgarage bilden jetzt eine ungünstige Schleife, sodass der Dauerstau an der Einfahrt die Ausfahrt blockiert.

Der Weg in den Dauerstau

Ähnliche Situationen gibt es inzwischen an vielen Innenstadtstraßen in Münster: Denn während andere Städte – selbst in Deutschland – seit der Jahrtausendwende den motorisierten Individualverkehr nach Möglichkeit aus den Stadtzentren rausgeschmissen haben, hat Münster in direkter Nachbarschaft zur Innenstadt an Stubengasse, Königsstraße, Engelenschanze und altem Steinweg neue Großparkhäuser mit hunderten Stellplätzen überhaupt erst errichtet. Diese Häuer ziehen seither massiven Parkverkehr in Münsters mittelalterliche Mitte.

Die Verantwortlichen der Stadt scheinen dem Gedanken verfallen zu sein, der Radverkehr könne dieses Problem irgendwie lösen – aber auch der braucht Platz und wird ihn in Zukunft immer selbstbewußter einfordern, wenn sich Lastenräder noch mehr durchsetzen und die Generation Pedelec allmählich merkt, wie – mit Verlaub gesagt – beschissen die deutliche Mehrheit der Radverkehrsführungen in dieser Stadt wirklich ist. Auch läßt sich der Radverkehrsanteil nicht beliebig steigern – dafür sorgt schon der demografische Wandel. Vor Allem aber werden die SUV-Bauern aus der coesfelder, warendorfer und wolbecker Perepherie nicht auf andere Verkehrsmittel umsteigern, so lange die Verkehrsplanung für freie Bahn bis zum Prinzipalmarkt und günstige Parkplätze unter der Lambertikirche sorgt.

Münster braucht Veränderungen – sonst wird die Stadt unweigerlich im Dauerstau enden. Aber es ist schwerlich vorstellbar, dass sich mit den derzeitigen Protagonisten an den städtischen Schaltstellen in Verwaltung und Wirtschaft wirklich nachhaltige und zukunftsfähige Verkehrspolitik realisieren läßt. Dazu sind die Beteiligten viel zu sehr in den autoverliebten Denkweisen der 1960er- und 1970er-Jahre gefangen.

Es stellt sich angesichts solcher Vorstellugen die Frage, wann sich IHK, Handelskammer und Innenstadthändler endlich erblöden, eine Zubetonierung des Aasees zur Wirtschaftsförderung anzuregen.

 

3 Kommentare zu “Auf dem Weg in den Dauerstau

  1. Bernd

    Der WN-Artikel ist auch putzig. Da schlägt doch jemand vor MünsteranerInnen vom Bus zu überzeugen.
    Die Busse sind auch herrlich, stehen mit den Pkw im Stau und sind auch noch so beschissen geführt und getaktet, dass man in MS vom Schloss zum Bahnhof zu Fuß schneller ist.

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