„Aal blau“ nach Emden: Westfalenbahn übernimmt Emslandstrecke

Bereits kurz vor Weihnachten hat die Westfalenbahn aus Bielefeld meine „Stammstrecke“ zwischen Emden Außenhafen und Münster übernommen. Mit der Übernahme von der Deutschen Bahn AG endete auch der Einsatz der roten Doppelstockwagen, die seit 2005 auf der Strecke unterwegs waren. Ich war deswegen zugegebenermaßen etwas skeptisch, was den zukünftigen Komfort auf dem Westteil der „Hannoverschen Westbahn“ im Nahverkehrsbereich angeht:

Die Dostos hatten seinerzeit einen erheblichen Komfortsprung auf der Relation Emden-Münster bewirkt. Die Strecke gehörte mit zu den letzten, auf denen noch die inzwischen zwar aufgearbeiteten, aber unklimatisierten n-Wagen eingesetzt wurden. Diese, wegen ihrer ursprünglichen, unlackierten Stahl-Außenhaut auch als „Silberlinge“ bezeichneten Wagen, sind zum Teil bereits seit Ende der 1950er-Jahre auf dem ehemaligen Bundesbahn-Netz unterwegs. Erfahrungsgemäß stießen die aus Lok und vier Wagen gebildeten Züge vor Allem auf dem Südabschnitt zwischen Lingen und Münster immer wieder an Kapazitätsgrenzen. Für Radtouristen (für Ostfriesland ein durchaus wichtiger Wirtschaftsfaktor), Rollstuhlfahrer und Eltern mit Kinderwagen war der hohe Einstieg zudem ein echtes Hindernis.

Mit den Doppelstockwagen änderte sich das: Fortan standen über 50 Sitzplätze mehr zur Verfügung. Daneben verfügten zumindest die Steuerwagen über niveaugleiche Einstiege und geräumige Mehrzweckabteile, sodass Rollis, Kinderwagen und Fahrräder deutlich einfacher in die Bahn gelangen konnten.

Hell und freundlich: FLIRT-Triebzug der Westfalenbahn

Hell und freundlich: FLIRT-Triebzug der Westfalenbahn

Westfalenbahn setzt auf FLIRT-Triebzüge

Seit der Übernahme sind nun blau-grüne Elektrotriebzüge des Typs Stadler FLIRT auf der Emslandstrecke unterwegs, welche aus jeweils vierteiligen Gliederzügen zusammengestellt werden. Verkehrt wird zumeist in Doppeltraktion, aber die Züge besitzen nur noch ein Stockwerk. Doch welch Überraschung: Zumindest auf dem Papier bleibt die Sitzplatzkapazität mit nominell 460 Sitzplätzen in Maximalkonfiguration auf Augenhöhe mit den alten Doppelstockzügen. 100 Sitzplätze der zweiten Klasse davon entfallen jedoch auf Klappsitze im Mehrzweckbereich. Zum münsterschen Weihnachtsmarkt hatte es wohl kaum Kapazitätsengpässe gegeben – aber es bleibt abzuwarten, wie sich das entwickelt, wenn zu den Osterferien der Radtourismus an der Küste wieder anrollt.

Komforteinbußen gegenüber den Doppelstockwagen konnte ich bei meinen ersten Fahrten nicht wirklich feststellen. Die immerhin zweistündige Tour von der Küste nach Westfalen verlief ohne unangenehme „Sitzplatzakrobatik“ – auch das hat mich in den eher S-bahnigen Triebzügen positiv überrascht. Zu alten n-Wagen-Zeiten rutschte man nach anderthalb Stunden schon mal ungelenk auf dem Polster hin und her, um noch eine irgendwie angenehme Sitzposition zu finden.

Die FLIRT-Triebzüge liegen dabei satt auf der Strecke. Bei einem Auto würde man das Fahrwerk als „sportlich“ bezeichnen. Wer das leichte Schaukeln im Oberdeck der Doppelstockwagen nicht mochte, wird die Stadler-Züge lieben.

Westfalenbahn kurz vor Bahnhof Emden Außenhafen

Westfalenbahn kurz vor Bahnhof Emden Außenhafen

Fazit

Der Umstieg von der Deutschen Bahn AG auf die Westfalenbahn verlief erstaunlich reibungslos. Die erste Bewährungsprobe – den Weihnachtsmarkt in Münster – haben die Stadler-Triebzüge gut bestanden. Dabei wurden vermutlich zum ersten Mal seit der Streckeneröffnung von 1856 wirklich fabrikneue Fahrzeuge auf der Emslandstrecke eingesetzt: Die Westbahn war unter Eisenbahnfreaks bisher vor allem dafür bekannt, letztes Refugium für ausrangierte Techniken in Deutschland zu sein. Die letzten Einsätze der E-Lok-Legende E 03 und von Dampfloks vor Regelzügen fanden immerhin auf dieser Strecke statt.

Mit dem Fahrplanwechsel 2015 gibt es Regionalverkehrs-Technik, die auf der Höhe der Zeit steht: Mit Steckdosen an den Sitzplätzen, ausfahrbahren Überfahrhilfen zum Bahnsteig und Info-Displays zu den nächsten Haltestellen. Daneben sind die Wagen hell, freundlich und können von Personal und Passagieren komplett eingesehen werden – das mulmige Gefühl, spät abends alleine im Abteil zu sitzen, ist damit endgültig Geschichte.

Das erhabene Gefühl, im Nahverkehrs-Doppelstock über dem InterCity zu thronen, werde ich dennoch schmerzlich vermissen…

3 Kommentare zu “„Aal blau“ nach Emden: Westfalenbahn übernimmt Emslandstrecke

  1. Norbert

    Das „erhabene“ Gefühl, im Nahverkehrs-Doppelstock über dem InterCity zu thronen, wäre eh bald hinfällig gewesen, auch ohne die im Niedersächsischen sowieso etwas deplaziert wirkende Westfalenbahn. Der IC2 toppt den roten Doppelstöcker allemal um Längen, und sei es nur durch noch heftigeres Schwankverhalten – je näher man der Küste kommt! Meine Fährroutine Neßmersiel – Baltrum ist nichts gegen den Seegang, den der weiße Doppelstöcker in Emden und um Emden herum an den Tag legt…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Durch das Fortsetzen der Benutzung dieser Seite, stimmst du der Benutzung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen", um Ihnen das beste Surferlebnis möglich zu geben. Wenn Sie diese Website ohne Änderung Ihrer Cookie-Einstellungen zu verwenden fortzufahren, oder klicken Sie auf "Akzeptieren" unten, dann erklären Sie sich mit diesen.

Schließen