Buddy Buxbaum: Mit Diesel durch’s Wattenmeer

Als Ende der 1990er-Jahre die große, deutsche Hip-Hop-Welle vornehmlich aus Richtung Nordsee und vom Neckar her über die Bundesrepublik hinwegschwappte, schien unvorstellbar, dass die gewitzten, von amtlichen Beats unterfütterten Lyrikkaskaden binnen weniger Jahre wieder in der Versenkung verschwinden würden und man – zumindest, wenn man nicht auf prolligen Berliner oder Frankfurter Kleinkriminellen-Rap stand – auf eine über zehn Jahre währende Durststrecke in dieser Hinsicht hinauslief. Das lag nicht nur daran, dass in wenigen Jahren eine gewisse Marktsättigung bei gleichzeitiger „Überfischung“ der Labels erreicht war (vermutlich eine ähnliche Entwicklung wie seinerzeit Anfang der 1980er-Jahre mit der Neuen Deutschen Welle), sondern auch, weil sich einige der Musiker musikalisch weiterentwickelten. Jan Delay machte plötzlich Funk und Reggae, Freundeskreis-Frontmann Max Herre wandelte sich zum Singer/Songwriter – und dann gab es da noch diese Sache mit Deichkind:

Auch die waren zunächst als dreiköpfige Hip-Hop-Combo der Ursuppe zwischen Alster und Elbe entsprungen, kurz nach der Jahrtausendwende aber in Richtung partytauglichem Techno (damals nannte man ihn auch noch so) abgeschwenkt. Nicht jedem gefiel dieser Schwenk, hatten Deichkind mit Komm schon doch einen der gechilltesten deutschen Hip-Hop-Tracks auf den Markt geworfen und mit Kabeljau Inferno und Bon Voyage im Gegensatz dazu eine gewisse Härte in die Charts geführt, die im deutschen Spaßrap jener Zeit schon als aussergewöhnlich galten.

Mit dem Umstieg auf ironischen Elektro (wie man Techno jetzt nannte) hatten Deichkind eine erfolgreiche Nische gefunden – zwei der drei Bandmitglieder sowie der inzwischen verstorbene Produzent Sebi Hackert wollten in diese Richtung weitermachen. Der dritte Mann, Buddy Buxbaum, konnte selbst mit der elektronischen Musik nicht mehr viel anfangen, war aber zunächst aus Interesse als eines von zwei Gründungsmitgliedern im Projekt verblieben. Nachdem sich 2006 durch den Erfolg von Remmidemmi (Yippie Yippie Yeah) die Zukunft des Projekts in der elektronischen Musik zu verfestigen andeutete, wurde Buxbaum 2008 durch Ferris MC ersetzt. Das Bedürfnis nach Ruhe muss für den Mann mit dem charismatischen Lockenkopf groß gewesen sein: Jahrelang hörte man nichts mehr von ihm.

2015 meldete sich Buddy Buxbaum dann mit dem Album Unkaputtbar wieder zurück. Das, was er jetzt macht, hat mit dem Krawalltechno von Deichkind in ungefähr so viel gemein, wie ein holländisches Omafiets mit einem hochgezüchteten Downhill-Fully. Man könnte es als eine Art Singer/Songwriter-Soulrock bezeichnen, der seine Herkunft aus dem deutschen Hip-Hop gar nicht erst zu verstecken versucht.

Der Track, mit dem Buddy Buxbaum hier in der neuen Rubrik Verkehrsmusik landet, ist der dritte Titel auf dem neuen Album und heißt Medizin.

Vordergründig lebt der Text der lässig-verspielten Mir-fällt-die-Decke-auf-den-Kopf-Nummer von jeder Menge Reminiszenzen und Referenzen an das Klischee von automobiler Freiheit auf der Autobahn, das nicht nur in der deutschen Popmusik wieder und wieder gepflegt, ja geheiligt wurde. Ganze Wortfelder werden abgeackert, die von Kraftwerk (Autobahn)  über Trio (Nur ein Traum) und Markus (Ich will Spaß) über den alten Deutschrap von Massive Töne (Cruisen) bis zum aktuelleren von DCVDNS (Mein Mercedes) immer wieder bestellt und abgeerntet wurden Da ist von drehenden Rädern die Rede, von der freien Bahn, der Gurke und der Piste. Von Kilometern und Diesel, der angezündet wird, von der Klaustrophobie, der Mann entfliehen muss…

Oooh, ich hab genug

Ab auf die freie Bahn

Hauptsache, es drehn sich die Räder

Oooh, hab kein Rendevouz

Und keinen Masterplan

Letzendlich zähl’n Kilometer

Buddy Buxbaum, Medizin

Alles in Allem also ein Text, der wie von der Werbeindustrie zur Vermarktung eines neuen Stadtpanzers in Form eines SUV geschaffen zu sein scheint – oder doch eher ein Sportcoupé oder das vor sich hinblubbernde Ami-Cabrio?

Hat hier jemand Auto gesagt?

Doch das Cover zur Single zeigt Buddy Buxbaum auf einem Ding zwischen Falt- und Bonazarad – und sichtlichem Fahrspaß. Im Video ist es dann mit der automobilen Traumwelt völlig dahin: Buxbaum hat sich eine Selfie-Cam umgeschnallt und begibt sich auf einer dieser typisch hamburgischen vierspurigen Todeszonen aus Asphalt in den Stadtverkehr – zu Fuß, wohlgemerkt. Trotz aller Lässigkeit kann er im Dauerstau zur Rush Hour locker mit dem MIV mithalten. In den nächsten Einstellungen des Videos sieht man ihn dann fahrend – in der Berliner S- und U-Bahn, um dann schließlich doch noch Diesel anzuzünden:

Das geschieht auf dem vielleicht entspanntesten Verkehrsmittel Nordwestdeutschlands: Bei Dagebüll an Schleswig-Holsteinischen Nordseeküste zieht sich die Halligbahn RIchtung Oland und Langeneß über den Deich. Die Bewohner der beiden Mini-Inseln verfügen über eine Sondergenehmigung, mit der sie auf der eigentlich dem Küstenschutz dienenden Bahn eigene Motordraisinen fahren dürfen. Auf einem dieser Fahrzeuge dieselt Buddy Buxbaum dann der Nordsee entgegen – dorthin, wo selbst Großgerät aus dem Hause Daimler hoffnungslos im Schlick verblubbern würde…

 

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