Durchgefallen: Neues Radverkehrskonzept erntet Kritik

Wie zu erwarten war, stößt das neue Radverkehrskonzept der Stadt Münster bei den Umweltverbänden auf wenig Gegenliebe. ADFC, BUND und VCD sowie das Umweltforum und die Kommission zur Förderung der Integration von Menschen mit Behinderungen (KiB) hatten deswegen am Freitag, 16. September 2016 zu einem kurzfristigen gemeinsamen Pressetermin ins Umwelthaus in der Zumsandestraße eingeladen.

Die genannten Verbände und Einrichtungen hatten alle am Runden Tisch Radverkehr teilgenommen, zeigten sich aber letztlich von der fehlenden Möglichkeit zur Einflußnahme auf das endgültige Konzept enttäuscht. Von mehreren Dutzend einzelnen Kritikpunkten an der Vorlage waren letztendlich nur zwei Nebensächlichkeiten durch die Stadtplanung in das Konzept aufgenommen worden.

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Übten Kritik am Radverkehrskonzept: (von links nach rechts)Rita Clausing (BUND), Dr. Gerhard Bonn (KiB), Elmar Post (VCD, ADFC), Wolfgang Wiemers (Umwelthaus), Matthias Wüstefeld (ADFC), Toralf Eichhorn (BUND, Umweltforum)

Einigkeit herrschte dabei bei den Verbänden vor allem darin, dass die im Konzept vorgegebenen ambitionieren Ziele sich kaum durch die vorgeschlagenen Detaillösungen erreichen lassen werden. Besonders an den geplanten Velorouten hängte sich erhebliche Kritik auf:

So wies Wolfgang Wiemers vom Umwelthaus darauf hin, dass ca. 80 Prozent der Einpendler nach Münster mit dem PKW anreisen und es daher darauf ankäme, gerade hier Anreize zu schaffen, auf ÖPNV und Fahrrad umzusteigen. Matthias Wüstefeld vom ADFC pflichtete dem bei und ergänzte, dass es bei der bereits extremen Fahrradnutzung der Innenstadtbewohner eigentlich kaum noch Steigerungspotential bei diese Gruppe gebe.

Ohnehin fehle es in Münsters Speckgürtel an einem leistungsähigen ÖPNV in der Fläche – und der sei meist noch schlecht mit dem Radverkehr verknüpft. Wiemers brachte an dieser Stelle den neuen Bahnhaltepunkt in Roxel als Beispiel. Dieser liegt relativ weit außerhalb des Ortskerns, ist aber mit dem Fahrrad eher schlecht zu erreichen, vor allem, weil sichere Abstellanlagen für hochwertige Pendlerräder fehlen.

Velorouten bringen keine Verbesserungen

Treffpunkt der münsterschen Umweltverbände: Das Umwelthaus in der Zumsandestraße

Treffpunkt der münsterschen Umweltverbände: Das Umwelthaus in der Zumsandestraße

Die Kritik des ADFC richtete sich zudem gegen die im Velorouten-Konzept kaum berücksichtigten Reisezeiten: Eines der wichtigsten Kriterien zur Beurteilung der Leistungsfähigkeit zukünftiger Radverkehrsrouten.

Statt schnellere Verbindungen zu schaffen, orientiert sich das vorliegende Konzept eher an den bereits exisitierenden Tourismusrouten über münsterländische Pättkes: Durchaus sehenswerte, teils unbefestigte Wirtschaftswege, die das gesamte Münsterland durchziehen. Eine zügige, alltagstaugliche Pendlerverbindung sind diese Wege sicherlich nicht. Stattdessen scheint es, als sei das ganze Konzept auf schnelle marketinggerechte Umsetzbarkeit ausgerichtet.

Behindertenkommission unterstützt Kritik

Bemerkenswert ist, dass auch die KiB die Kritik der Umweltverbände zumindest teilweise teilt und unterstützt. Das Verhältnis zwischen Menschen mit Mobilitätseinschränkungen und Radfahrern ist sicherlich nicht immer ungetrübt. Eine der zentralen Forderungen der Kommission ist laut Dr. Gerhard Bonn beispielsweise eine durchgehende barrierefreie Breite von 1,50 Metern für alle Gehwege: Ein Ziel, dem in Münster immer wieder im wahrsten Sinne des Wortes unachtsam abgestellte Fahrräder im Wege stehen.

Aber so langsam setzt sich auch bei der KiB die Erkenntnis durch, dass sich die Konflikte nicht einfach durch den erhobenen Zeigefinger gegen die bösen Radfahrer lösen lassen. Vielmehr sind die Konflikte der Tatsache geschuldet, dass nichtmotorisierten Verkehrsteilnehmern nicht der Platz zugestanden wird, der für ein konfliktarmes Miteinander zwische den Gruppen notwendig wäre.

Deshalb stößt die Absicht der Stadtverwaltung, die neuen Velorouten ins Umland zumindest teilweise auf gemeinsamen Geh- und Radwegen zu führen, bei KiB-Vertreter Dr. Bonn auch auf Unverständnis: Konflikte zwischen Fußgängern und zügigen Radfahrern sind so vorprogrammiert.

Konzept geht auch durch den Umweltausschuß

Immerhin ein erster Teilerfolg konnte erzielt werden: Das Radverkehrskonzept soll voraussichtlich im Oktober auch im Umweltausschuß der Stadt Münster erörtert werden. In der Vergangenheit waren auch wichtige Angelegeneheiten der Verkehrs- und Stadtplanung immer wieder am Umweltausschuß vorbeigelotst worden und nur im Planungsausschuß zur Sprache gekommen.

Danach wird es Sache der münsterschen Politik sein, ob man der Stadtverwaltung ein völlig ambitionsloses Radverkehrskonzept als großen Wurf durchgehen lässt.

Anm.: Der Autor dieses Artikels ist selbst Mitglied der Fachgruppe Radverkehr des ADFC

 

3 Kommentare zu “Durchgefallen: Neues Radverkehrskonzept erntet Kritik

  1. Norbert

    Aber welches Interesse hätte die Politik daran, was anderes zu wollen? Die damit einhergehenden Konflikte würden doch auch sie treffen und in der breiten Öffentlichkeit würden die Konflikte darauf hinweisen, dass Münster alles ist, nur kein Vorbild für Radverkehrsförderung.

  2. Jochen G.

    hahah – eben kam die neue ADFC Bundespostille – ja, ich trete da aus, aber noch kommt das – und was findet sich auf Seite 17 oben rechts? Unter „Neue Standards“ gibt der ADFC den Pressesprecher für die Stadt Münster. NULL kritische Anmerkung. Alles wird toll. Ja sowas braucht Schland doch, Einen kritikunfähigen bzw. kritikunwilligen Bundes ADFC!

    Ne echt, aus sowas muss man austreten. Schade das ich das nur einmal tun kann.

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