Wahnwestenalarm 2016 wird präsentiert von der WWU

Winterzeit ist Wahnwestenzeit. Da anscheinend die für die Versorgung mit den neongelben Sicherheitsplacebos in den vergangenen Jahren zuständige Unfallpartnerschaft Ordnungsprävention in akute Geldnot geraten ist, ist eine andere münstersche Institution eingesprungen: Die Westfälische Wilhelms-Universität (WWU).

Die veranstaltet Semester für Semester eine sehr beliebte Erstsemesterbegrüßung im Schloß: Erstis bekommen zum Studieneinstieg eine durchaus praktische Umhängetasche im Universitätsdesign geschenkt. Doch diesmal hatte der neue Rektor Prof. Dr. Johannes Wessels keine Taschen im Gepäck: Die gibt es wohl erst bei der Erstsemester-Messe am 13. Oktober 2016 in der Mensa am Ring. Stattdessen gab’s vom Rektor für die Erstis diesmal Wahnwesten im WWU-Design…

Eigentlich sollte es an der WWU und ihren Nachbarhochschulen genügend schlaue Menschen geben, die dem Rektor derleit Unfug austreiben. Gut, bei einigen Studienfächern an der FH Münster kann man Warnwesten durchaus als sinnvoll ansehen: Dort kann man Bauingenieur, Architekt oder Maschinenbauer werden. Die passende Weste gibt es dort im Campus-Store.

Aber an der WWU fachübergreifend die Erstis mit Wahnwesten eindecken? Also auch Juristen, Historiker, Musikwissenschaftler, Ethnologen, Linguisten, Biologen und so weiter, und so weiter?

In der Begrüßungsrede ließ sich dann der neue Rektor auch noch zu klassischem Victim Blaming hinreißen:

Gerade nachts ist es auf der Promenade sehr dunkel, deshalb haben wir WWU-Warnwesten für Sie.

WWU-Rektor Prof. Dr. Johann Wessels

Die Fachbereiche, die ihm erklären könnten, was Victim Blaming ist und wie es funktioniert, hat Wessels übrigens in seiner „Firma“ prominent vereint. Soziologie und Kriminologie sind beide an der WWU vetreten. Daneben gibt es den pychologischen Fachbereich, in dem sich sicherlich Fachleute finden lassen werden, die den Unterschied zwischen Sehen und Wahrnehmen fundiert erläutern können.

Eigentlich ist somit an der WWU und den anderen münsterschen Hochschulen alles, aber wirklich alles vertreten, was in Sachen Forschungsstandort notwendig wäre, um wirklich nachhaltig in Richtung sicherer Radverkehr zu forschen. Ordentlich viel Radverkehr inklusive. Aber irgendwie scheint das Thema bis auf ein paar wenige Ausnahmen noch nicht in der münsterschen Hochschullandschaft angekommen zu sein. Stadtdessen speist der neue Rektor seine Erstis also lieber mit einem Placebo ab, dessen Wirkung in der einzigen halbwegs aktuellen Studie zum Thema stark angezeifelt wird.

Das ist in etwa genau so sinnvoll, wie in der Onkologie der Uni-Klinik Schüssler-Salze zu schlucken und Bachblüten-Tee zu gurgeln…

Anm.: Ich hatte den Artikel noch gestern Nacht geschrieben. Heute morgen hat mich beim Frühstück wieder ein tödlicher Verkehrsunfall auf einem von Münsters lebensgefährlichen Radwegen erwartet. Wieder so ein Ding, wo Wahnwesten vermutlich nichts geholfen hätten…

2 Kommentare zu “Wahnwestenalarm 2016 wird präsentiert von der WWU

  1. Jochen G.

    Weia. Was bringen gelbe Warnwesten dort wo es total dunkel ist? Na? Richtig! Null-komma-garnichts, denn es braucht Licht damit man die Dinger sehen kann, oder damit das Licht von Reflexapplikationen reflektiert werden kann.

    Weitaus wichtiger als Gießkannendenken, ist es die Menschen flächendeckend darauf zu sensibilisieren, daß sie für sich UND für andere mitdenken, weil dann klappts direkt besser mit dem Erkennen von Risiken und dem bewußteren Umgang mit uns und unserer Umwelt. Aber ist so etwas noch machbar in der heutigen verschulten und zeitlich immer schlimmer durchoptimierten „Lehre“?

    Der letzte … äh ist der Schwerverletzte von letzten Dienstag noch am Leben? ich kann dazu nichts Neues finden, also der hat eine Warnweste getragen. Hat nichts gebracht, weil es braucht ja immer ein entsprechendes Verhalten vom „Gegenüber“ und daran hat es bei Dunkelheit und Nebel halt gemangelt.

    PS: Ich habe selber eine noch so leidlich gelbe Zippjacke von JeanTex und neu einen knallgelben Regenponcho von Carradice. Diese Sachen kommen dann zum Einsatz wenn es eben sinnvoll ist – bei Regen und Nachtfahrten auf stärker vom Vekehr frequentierten Straßen.
    Meine stark reflektierenden Armlinge bzw. ein zweites Paar mit einer gelben Seite und einer reflektierenden Seite, trage ich ihm Winter fast schon gewohnheitsmäßig. Hält den Arm halt wärmer und er schwitzt nicht so rasch nass wie das bei einer Jacke mit Ärmeln bei mir der Fall wäre.

  2. Jens Schwoon

    Warnwesten zu tragen ist wie „Verbot von kurzen Röcken für Frauen“ um die Zahl der Vergewaltigungen herunterzudrücken. Hier wird das Opfer zum Täter gemacht.

    Komplett sinnlos. Sowas wird also mit Steuergeldern auch noch bezuschusst.

    Demnächst heisst es dann „Fahrradfahrer von Auto umgefahren – er trug ja auch keine Warnweste!“

    Besser mal die Infrastruktur in Münster verbessern – da hat sich in den letzten 10 Jahren nicht wirklich viel dran getan.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Durch das Fortsetzen der Benutzung dieser Seite, stimmst du der Benutzung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen", um Ihnen das beste Surferlebnis möglich zu geben. Wenn Sie diese Website ohne Änderung Ihrer Cookie-Einstellungen zu verwenden fortzufahren, oder klicken Sie auf "Akzeptieren" unten, dann erklären Sie sich mit diesen.

Schließen