Ostmarkstraße: Die geplante Katastrophe

Der fromme Wunsch, nach mehreren Jahren mal wieder eines ohne getöteten Radfahrer in Münster zu erleben, endete am 12. Oktober 2016 gegen 11 Uhr auf dem Asphalt der Ostmarkstraße: An der Einmündung zur Dieckstraße wurde eine 28jährige Radfahrerin von einem LKW überrollt und verstarb noch an der Unfallstelle. Der Unfall in Münster reiht sich dabei in eine ganze Serie von schweren Unfällen zwischen LKW und Radfahrern ein, die sich innerhalb der vergagenen Woche im ganzen Land ereignet haben:

Sechs LKW, vier tote Radfahrerinnen, die nicht unbedingt in die Kategorie Kampfradler eingeordnet werden können – von denen drei starben, als sie vermutlich völlig korrekt auf einer Radverkehrsanlage unterwegs waren.

Tod auf überflüssigem Radweg

Während es sich bei der Wandsbeker Chaussee in Hamburg und dem Osnabrücker Goethring um ausgemachte, mehrspurige Hauptverkehrsstraßen handelt, die zumindest historisch betrachtet die Anlage einer Radverkehrsanlage gerechtfertigt haben, ist die Ostmarkstraße in Münster ein deutlich kleineres Kaliber:

Professionell versteckt: Radweg hinter Bushaltestelle an der Ostmarkstraße

Professionell versteckt: Radweg hinter Bushaltestelle an der Ostmarkstraße

Die ruhigste der größeren münsterschen Ausfallstraßen verbindet das Erpho-Viertel in einem Bogen mit der Innenstadt. Folgt man dem Verlauf über Bohlweg und Hörsterstraße weiter, landet man quasi direkt vor der Lambertikirche. Das für Münster typische Leben fehlt jedoch: Außengastronomie ist nicht vorhanden und während sich an Warendorfer, Hammer und Wolbecker Straße ein kleines, feines Fachgeschäft neben dem nächsten findet, können Ostmarktstraße und Bohlweg nichteinmal den obligatorischen 1-Euro-Shop aufweisen. Lediglich ALDI, eine Westfalen-Tankstelle sowie Burger King haben sich am Bohlweg in der Nähe des Rings niedergelassen.

Ostmarkstraße und Bohlweg tragen somit eher den Charakter einer Erschließungsstraße. Für den Radverkehr sind sie wichtig, weil hierüber Münsters Nordosten an die Innenstadt angebunden wird. Am Übergang zwischen Bohlweg und Hörsterstraße, dem sogenannten Hörstertor, wird die Promenade gekreuzt.

Fahrbahnverbot trotz Schrottradweg

Die Bedeutung für den Radverkehr der beiden Straßen hat sich – wie in Münsters gelebter Verkehrsmittelapartheid üblich – nicht auf die Qualität und den Umfang der Radverkehrsanlagen niedergeschlagen. Im Bohlweg wird die Situation regelrecht absurd. Dort ist ein keinen Meter breiter Schrottradweg immer noch benutzungspflichtig beschildert, obwohl Radfahrerinnen und Radfahrer dort zu jeder Tages- und Nachtzeit in der Mehrheit gegenüber dem Kraftverkehr sein dürften. Als vorgeschobene Ausrede nimmt der Willkürbetrieb Schulze-Werner die LZA-gesicherte Kreuzung zur Piusallee.

Situation am Bohlweg

Situation am Bohlweg

In der Ostmarkstraße gibt sich die Situation leicht anders. Zwar finden sich auch hier untermaßige Zwangsradwege, allerdings wurden diese erst vor wenigen Jahren saniert. Eigentlich hätte die Straße dabei Schutzstreifen bekommen sollen, besorgte BürgerInnen ™ haben das aber erfolgreich unterbunden. Die Stadtverwaltung knickte ein und baute stattdessen den fachmännisch hinter Parkplätzen und Bushaltestellen versteckten Murks. Das war um 2009 herum: Da war die StVO-Novelle schon über zehn Jahre alt und die Empfehlungen für Radverkehrsanlagen 2010 standen kurz vor der Veröffentlichung.

Das Potential, Bohlweg und Ostmarkstraße zur Vorzeigestrecke für fahrbahngeführten Radverkehr zu machen, wurde durch Stadtverwaltung und Bezirksvertreter somit nicht genutzt. Stattdessen starb erneut ein Mensch unter einem abbiegende LKW.

Polizei suhlt sich in Opferverhöhnung

Wer sich wieder einmal nicht erklären kann, wie das alles zusammen hängt und warum es genau an dieser Stelle zu einem Unfall kam, ist die münstersche Polizei. Deren Unfall-Experte Thomas Klieve erwähnte gegenüber den Westfälischen Nachrichten (WN), die Kreuzung Ostmarkstraße/Dieckstraße sei bisher völlig unauffällig gewesen. Ein Verkehrsspiegel sei deshalb bisher nicht montiert worden.

Das mag vielleicht für diese spezielle Kreuzung gelten, aber eben nicht für diesen Kreuzungstyp. Innerhalb weniger Monate starben an der Wolbecker Straße um den Jahreswechsel 2014/15 zwei Menschen bei ähnlichen Unfällen. 2015 kam es nach Angaben der Polizei gegenüber den WN zu fast 160 Abbiegeunfällen, deren Opfer zu 99 Prozent Radfahrer gewesen sind.

Anstatt hier aber endlich gegen die Verantwortlichen aus dem Ordnungsamt und der Verkehrsplanung vorzugehen und eine konsequente Umsetzung geltenden Rechts durchzusetzen, verhöhnt die Polizei auch diesmal wieder die Opfer:

 Man sollte den Blickkontakt zu den Fahrzeugführern suchen, und wenn der Lkw nicht anhält, lieber stehenbleiben.

Pressesprecherin Antonia Linnenbrink

Ufallort an der Ostmarkstraße.

Unfallort an der Ostmarkstraße

Kein Radfahrer, der halbwegs bei Sinnen ist, sucht so eine Konfrontation mit einem Lastkraftwagen. Alltagsradler müssen alltäglich Situationen meistern, in denen sie auf ihre Recht verzichten, deutlich die Geschwindigkeit drosseln, vielleicht sogar anhalten. Wenn jemand unterm LKW landet, dann geschieht das eher trotz dieser passiven Fahrhaltung – weil man die Gefahr, in der man sich befindet, überhaupt nicht vorhergesehen hat.

Daneben geschaf auch dieser Unfall wieder auf einer Radverkehrsanlage, die eigentlich seit 1998 hätte stillgelegt werden müssen – durchaus auch gegen den Widerstand mancher Radfahrer, die ihre subjektive Wahnehmung über empirische Forschung stellen. Stattdessen zwingt hier eine selbsherrliche Straßenverkehrsbehörde in unerträglichen Willkürakten selbst selbstbewußte Radfahrer, die um die Unsicherheit dieser Führungen wissen, auf überflüssigen, lebensgefährlichen Bauschrott.

Anhand solcher Umstände ist eine solche unfreiwillig zynische Äußerung einer Polizeipressesprecherin vollkommen deplaziert.

Verbesserungen nicht zu erwarten

Diese Fehleinschätzungen der Polizei und die Milde gegenüber der Straßenverkehrsbehörde dürften auch hier wieder dazu führen, dass wirkliche Verbesserungen an der Gesamtsituation unterbleiben. Bereits in den WN wird darauf verwiesen, dass ja an der Kreuzung kein Trixi-Spiegel hänge und die Radwegfurt nicht rot markiert sei. Dass die Radfahrer in Münster in erster Linie Opfer der historisch gepflegten Verkehrsmittelapartheid sind, will mal wieder keiner wirklich wahr haben.

So steht zu befürchten, dass es auch diesmal wieder beim medienwirksamen Spieglein-Aufhängen und etwas roter Tünche bleibt. Das hat auch für Münsters Politiker einen Vorteil: Es gibt in Münster noch dutzende, wenn nicht hunderte solcher Kreuzungen. Wenn man immer erst wartet, bis dort etwas passiert, kann man in Sachen Schulterklopfen noch jahrzehntelang weitermachen…

2 Kommentare zu “Ostmarkstraße: Die geplante Katastrophe

  1. Jochen G.

    „So steht zu befürchten, dass es auch diesmal wieder beim medienwirksamen Spieglein-Aufhängen und etwas roter Tünche bleibt. “

    Dieses „Spielchen“ hat in Hamm dieses Jahr (mal wieder) stattgefunden. Erst wird jahrelange alles für total in Ordnung und unproblematisch befunden und dann, nachdem es zu unschönen und medienwirksamen Unfällen gekommen ist, zuletzt gar zu einem tödlichen Unfall, kommt urplötzlich (mitunter dauert selbst das noch über ein Jahr) Bewegung und Veränderung in deutlich sichtbar unzureichende Radverkehrsanlagen.

    Aber alles Lamentieren bringt nur selten echte substantielle Verbesserungen. Der Reiz wegzuhören ist zu groß und wird ja auch nicht bestraft.
    Wasfür die Zukunft aber eine große Hilfe sein könnte, wäre ein in das Strafgesetzbuch aufzunehmender Straftatbestand für solche Arten des verwaltungstechnischen Versagens. Also mal zur Abwechslung echte Abschreckung gegenüber denen, die mit ihrer Unterschrift Zwang gegenüber Verkehrsteilnehmern anordnen, obwohl ihnen bewußt ist (oder sein muss, kraft ihres Berufs, ihres Postens, der ihnen nachweisbaren Informatioen), daß sie damit vor dem Gesetz unkonforme und eben bekannterweise deutlich gefährliche Anlagen genehmigen.

    Der private Häuslebauer muss 1001 Sachen beachten und wehe wenn nicht! Aber wer kontrolliert die Öffentliche Hand in ihrem Tun? Und wo sind die tatsächlich (zuverlässig!) wirksamen Kontrollinstanzen und eben auch die Abschreckung?
    Strafandrohung könnte da so manche ändern.

    Was zukünftige schwere Unfälle angeht, habe ich für Hamm ein paar heiße „Kandidaten“ (also Stellen), wo die Stadtverwaltung z.B. Bepflanzung für weitaus wichtiger hält, denn funktionierende Sichtbeziehungen.
    Beispielbilder (500×375 Pixel) vom Kreisverkehr Hafenstraße gegenüber der Feuerwehr (wie passend):
    https://c2.staticflickr.com/6/5578/14934070177_b35bdd5eed.jpg
    https://c7.staticflickr.com/6/5574/14934024598_6b0528698a.jpg
    https://c6.staticflickr.com/6/5571/15117584701_71f017617f.jpg

  2. Pingback: Stadtwerke Münster: Lizenz zum Pöbeln | Leezerize

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