Brillux-Werbeaktion: Das Gegenteil von Gut

Seit etwa zwei bis drei Jahren hat der in Münsters Süden ansässige Farbenspezialist Brillux sein Herz für die Radfahrerinnen und Radfahrer der Stadt entdeckt. Alle paar Monate beglückt einer der größten industriellen Arbeitgeber der Stadt seither die radfahrende Bevölkerung mit Sicherheitsutensilien.

Hatte man zunächst mit dem Sponsoring von Trixi-Spiegeln begonnen, verlagerte man sich Ende 2016 auf Speichenreflektoren und brachte sie gewissermaßen als Streu-Artikel gemeinsam mit Verkehrswacht und Polizei Münster unters Volk. Die zweite der beiden bisherigen Verteilaktionen begann am vergangenen Wochenede und kam bei den Münsteranerinnen und Münsteranern gut an: Am Freitag, 24.03.2017, bildete sich  an der Hammer Straße sowie an der Promenade jeweils eine lange Schlange an den beiden Ständen, wo die Brillux-Mitarbeiter die Reflektoren direkt an den Fahrrädern montierten.

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Hinterfragt hat diesen plötzlichen Aktionismus bisher kaum jemand.

Victim Blaming als Marketinginstrument

Wir erinnern uns: 2016 war kein einziger Unfall mit Radfahrerbeteiligung auf defektes Licht zurückzuführen. Magelnde Sichtbarkeit der Radfahrerinnen und Radfahrer scheint – vorsichtig ausgedrückt – also kein vorrangiges Sicherheitsproblem in Münster zu sein. Warum dann also überhaupt eine solche Aktion, deren Beitrag zur Verkehrssicherheit nicht messbar sein dürfte?

Man könnte sich in dieser Situation jetzt quasi homöopathisch rausreden und sich auf den Standpunkt stellen: Schad ja auch nix. Das mag für Speichenreflektoren an sich durchaus gelten, denn dass die Dinger tatsächlich einen Unfall verursachen, ist schon arg abwegig (wobei ich inzwischen vorsichtig geworden bin, was solche vorschnellen Schlüsse anbelangt). Dabei wird aber immer wieder vergessen, was solche Aktionen – stetig und vehement genug wiederholt – unterschwellig im Diskurs anrichten:

Andrang am Brillux-Stand

Reflektoren auf lau: Andrang am Brillux-Stand

Die fortwährende Penetration mit Wahnwesten, Blinkies, Fahrradhelmen und eben auch Speichenreflektoren schiebt den Radfahrerinnen und Radfahrern nach und nach eine Mitschuld am eigenen Unglück unter. Eine Schuld, die sie gerade bei Unfällen mit Kraftfahrzeugen überwiegend nicht tragen. Vergleichbar ist das in seiner Giftigkeit in etwa mit dem angeblich zu kurzen Röckchen eines vergewaltigten Teenagers.

Im vorliegenden Fall wurde diese Stimmung allerdings nicht erst durch Brillux‘ Aktion geschaffen. Die Verkehrsmittelchauvinisten der Polizei Münster haben durch entsprechende Schuldzuweisungen in völliger Verkennung der eigenen Statistiken über Jahre den Radfahrerinnen und Radfahrern die Rolle des Sündenbocks zukommen lassen.

Brillux surft sogesehen nur auf dieser Welle aus Fingerpointing und Victim Blaming und nutzt sie aus, um mit billigen Streuartikeln den eigenen Bekanntheitsgrad im Stadtgebiet zu erhöhen. Wahrscheinlich merkt die Firma dabei noch nicht einmal, dass sie dem vorgeblichen Ziel, mehr Verkehrssicherheit zu erreichen, dadurch eher schadet als nutzt.

Brillux‘ Feigenblatt für städtische Nichtstuer

Wie gefährlich so unbedachte Marketingaktionen wirklich werden können, zeigt das Sponsoring, mit dem Brillux sein Engagement ursprünglich begonnen hatte. In den vergangenen Jahren stiftete die Firma der Stadt über hundert sogenannter Trixi-Spiegel: Das sind kleine, runde Verkehrsspiegel, die unterhalb von Ampeln montiert werden. Sinn der Spiegel ist, dass LKW- und Busfahrer besser in die Winkel im rechten Seitenraum ihrer Fahrzeuge einsehen können. Also jene Winkel, in denen sich in Münster gemäß überwiegend rechtswidriger Anordnung des „Ordnungs“-Amtes der Radling aufzuhalten hat (gerne auch als „hervorragend ausgebauter Radweg“ bezeichnet).

Ob und wie sich diese Spiegel auf die Verkehrssicherheit auswirken, ist derzeit noch Gegenstand der Forschung. Echte Verkehrsspiegel jedenfalls werden in Deutschland kaum noch genehmigt. Die Trixi-Spiegel hingegen gelten in etlichen Kommunen (wohl auf Grund entsprechender Werbemaßnahmen durch den Hersteller) als „heißer Scheiß“. Wäre ja auch zu schön: Anstatt extrem teurer Umbauten an Einmündungen und Knotenpunkten bräuchte man bei Wirksamkeit nur ein paar Spiegelchen für einen niedrigen vierstelligen Euro-Betrag montieren.

In der Theorie klingt das schlüssig – in der Praxis haben aber schon heute die meisten LKW kaum noch echte tote Winkel. Wenn ein Radfahrer oder eine Radfahrerin unter einem rechtsabbiegenden Fahrzeug landet, dann liegt das meistens daran, dass der Fahrer oder die Fahrerin eben im entscheidenden Augenblick nicht in den entsprechenden Spiegel geguckt oder den Schulterblick vergessen hat. Tote Radfahrerinnen und Radfahrer entstehen in aller Regel nicht durch Bosheit, sondern durch Augenblicksversagen und Überforderung. Um hier wirklich eine Verbesserung der Situation zu erreichen, müssten die Fahrerinnen und Fahrer der Kraftfahrzeuge entlastet werden. Dies erreicht man aber nicht durch die Errichtung immer weiter ausufernder Spiegelkabinette, sondern im Gegenteil, durch Vereinfachung des Verkehrsraums und mehr Übersichtlichkeit. Die entsprechenden Maßnahmen sind jedoch nicht immer offensichtlich. Sie erfordern häufig einen erheblichen planerischen oder finanziellen Aufwand.

Brillux-Spiegel vor Münsters Hauptbahnhof

Mit dem Feind Aug in Aug: Verkehrsspiegel montiert, aber rechtsabbiegende Busse haben noch immer gleichzeitig grün mit dem Radverkehr

Leider werden solche Maßnahmen vielfach erst nach Unfällen durch öffentlichen Druck durchgeführt. In einer Kommune wie Münster, in der Ordnungsamt und Verkehrsplanung sich in kollektiver, realitätsverweigernder Selbstbeweihräucherung gefallen, führen selbst tödliche Unfälle nicht mehr zu angemessenen Reaktionen.

In so einer Gemengelage wird der Aktionismus von Brillux zur Gefahr. Denn die Verantwortlichen der Stadtverwaltung bekommen ungewollt ein perfektes Feigenblatt geliefert, um weiterhin in der angestammten Lethargie zu verharren: Statt die Sicherheitsdefizite im Radverkehr effizient anzugehen, wird weiterhin mit Mitteln fragwürdiger Tauglichkeit herumgequaksalbert. Der Schaden tritt – wie bei der Homöopathie – indirekt ein: Nämlich indem die wirksamen Mittel gegen das Übel unterlassen werden.

Kein Dialog mit Aktivisten

Bedauerlich bei solchen Aktionen wie von Brillux ist, dass die schneidigen Marketinabteilungen der Firmen es immer wieder vergessen, dass es neben Polizei, Verkehrswacht und Ordnungsamt auch noch engagierte Radfahrerinnen und Radfahrer gibt, die man vor Aktionsstart vielleicht mal nach der Meinung fragen könnte. Das muss nichtmal ein etwas grimmiger Radverkehrsblogger sein, sondern gerne auch beispielsweise die Leute von der Fachgruppe Radverkehr des örtlichen ADFC. Ein solcher Dialog hätte die fragwürdigen Aktionen nämlich in deutlich weniger verminte Fahrwasser lenken können. Wenn ein lokaler Arbeitgeber etwas für die radfahrende Bevölkerung tun will, spricht aus meiner Sicht nämlich wenig dagegen – Voraussetzung ist der Sinngehalt der Aktionen.

Hätte Brillux beispielsweise an der Promenade Regencapes in allen Farben des Regenbogens verteilt oder öffentliche Fahrradpumpen an strategisch günstigen Punkten im Stadtgebiet aufstellen lassen: Der Dank auch der engagierteren und informierteren Radfahrerinnen und Radfahrer wäre der Firma sicher gewesen. So aber bleibt mir als Blogger wieder einmal nur die Variante, mit der Faust in der Tasche gegen diesen zynischen Irrsinn anzuscchreiben…

Post Scriptum:

Auf einen kleinen, bissigen, aber für meine Verhältnisse noch recht harmlosen Schlagabtausch auf Twitter reagierte die Marketingabteilung von Brillux übrigens recht bockig und hat mich direkt blockiert:

3 Kommentare zu “Brillux-Werbeaktion: Das Gegenteil von Gut

  1. Beate Müller-Schröer

    Sehr geehrter Herr Richter,

    ich habe gerade erst Ihren Blog entdeckt und bin selbst interessierte Radfahrerin. Leider muss ich aber feststellen, dass Sie sich bereits mit dem vorstehenden Beitrag in meinen Augen für eine sachliche Diskussion um den fahrradfreundlichen Umbau der Stadt Münster disqualifiziert haben.

    1. Heinz

      Sehr geehrte Frau Müller-Schröer,

      wenn Herr Richter sich disqualifiziert hat, fragen Sie doch einmal Google zu Literatur die „Visibility“ von Radfahrenden und Unfallhäufigkeit untersucht. Die eindrücklichste Untersuchung ist eigentlich die jährliche Unfallstatistik der Polizei Münster, die keinerlei Korrelation zwischen der ebenfalls regelmäßig von dieser verbreiteten hohen „Lichtquote“ und der Unfallzahl zeigt.

  2. Jens Schwoon

    Sehr geehrte Frau Müller-Schröer

    Welch qualifizierte Aussage von Ihnen zu Herrn Richter. Auf seiner Blogseite einfach mal ohne Angabe von Gruünden ihn als „unsachlich“ zu disqualifizieren ist nicht nur frech, sondern anmaßend. Was qualifiziert denn bitte Sie?

    Sie gehören wahrscheinlich zu den Leuten die ihre eingefahrene Meinung haben und daran gerne nicht rütteln möchten. Herr Richter schreibt ganz klar warum es wenig sinnvoll ist, wie Brillux „Scheinlösungen“ zu etablieren.
    Sie fahren wahrscheinlich immer fleissig mit Warnweste, Helm und Speichenreflektoren durch Münster.

    Es gibt Fahrradstädte in Europa die ohne diese ganzen „Krücken“ auskommen und es ebenso wie in Münster wenig Unfälle gibt.

    Was mit diesen Aktionen wie Rettungswesten, Helmen und Speichenreflektoren nur rüberkommt (und das ist politisch auch so gewollt) ist die Illusion, daß man irgendwas an der Sicherheit der Fahrradfahrer aktiv macht. Und das ist nicht wirklich der Fall. Es werden mit möglichst wenig Geld Pseudolösungen geschaffen – so sieht es leider aus.

    An der Infrastruktur die man ändern müsste, wird nichts geändert. Außerdem werden Fahrradtote mitlerweile auch direkt mit “ .. Fahrradfahrer trug keinen Helm“ in den Medien erwähnt. Das wäre vergleichbar als wenn man schreiben würde „… Wasserleiche trug keine Rettungsweste“ !

    Wenn es den Firmen wirklich um die aktive Mitgestaltung und Sicherheit der Radfahrer gehen würde, dann stellt sich doch erstmal die Frage wessen Aufgabe das ist. Meiner Meinung nach ist das eine staatliche Aufgabe und die ist erstmal bei der Stadt Münster verankert. Die hat sich um die Sicherheit ihrer Bürger zu kümmern und die Infrastruktur so zur Vergfügung zu stellen, daß es keine schweren Unfälle gibt.

    Firmen wie Brillux usw. haben in der aktiven Gestaltung des Straßenverkehrs meiner Meinung nach nichts verloren.

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