Hafenkäserei: Münster bekennt Grau

Seltsame, weil graue Blüten treibt die fortschreitende Gentrifizierung des Südufers des alten münsterschen Stadthafens. Nachdem die Umwandlung des Nordufers vom tristen Industriegebiet in eine Büro- und Partymeile mit kultiviertem Industrieflair fast abgeschlossen ist, konzentrieren sich in den letzten Monaten und Jahren die Arbeiten auf die gegenüberliegenden Flächen. Vor einiger Zeit hat bereits das Wolfgang-Borchert-Theater die Seite gewechselt und einen Neubau neben dem städtischen Kraftwerk bezogen. Jetzt siedelte sich vor wenigen Wochen eine Molkerei in Sichtweite des ikonischen Hafenkrans zwischen Theater und einem derzeit noch bestehenden Gefahrgutlager an: Die Hafenkäserei.

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Die Hafenkäserei in Münster

Bei der Firma handelt es sich nicht um eine Molkerei im herkömmlichen Sinne, sondern um einen Erlebnisbetrieb mit angrenzendem Bistro. Der Firmensitz, gleichzeitig Büro, Fabrik und Gastronomie, wurde von einem münsterschen Archtitektenbüro durchgeplant und errichtet. Leider haben Architekten innerhalb der letzten Jahre den guten, alten Sichtbeton als Baumaterial wiederentdeckt, den man eigentlich schon im Orkus der Baugeschichte gewähnt hatte.

Diese Wandbemalung sorgt derzeit für Zoff

Der feuchte und dann aushärtende Traum autogerecht denkender Stadtplaner und Architekten erlebt gerade ein Revival. Das Firmengebäude der Hafenkäserei ist genau diesem Revival entsprungen und fügt sich traumhaft in die Ästhetik des benachbarten Gefahrgutlagers mit seinen extradicken Betonwänden ein. Noch ist das Gebäude übrigens durchaus ansehnlich – aber aus den Erfahrungen der Vergangenheit weiß man eigentlich recht gut, dass solche Betonbauten nach ein paar Jahren Verwitterung nur noch große, graue Klötze in der Landschaft sind. Architektonisch interessant sich diese Bauten durchaus, menschlich jedoch eher selten.

Ist das Verschandlung?

Ähnlich scheint das auch die Betreiberin der Hafenkäserei gesehen zu haben – oder zumindest sah sie in der großen, grauen Fassade ihrer Firma eine perfekte Fläche für die Anbringung einer Wandmalerei. Über die ästhetische Ausführung kann man streiten: Ein fischender Käselaib und Molke rührende Kühe sind vielleicht etwas camp – ob sich aber dadurch eine graue Betonwand verschandeln lässt, ist äußerst fraglich. Die Architekten jedoch sehen das anders und erreichten mit Unterstützung durch den Bund deutscher Architekten (BDA) vor dem Landgericht Bielefeld, dass die Wandbemalung wieder entfernt werden muss. Dabei können sie sich auf das Architektururhberrecht berufen. Vergleichbare Zickereien hatte es seinerzeit beim Berliner Hauptbahnhof gegeben, weil die Bahn eigenmächtig die Bahnhofshalle um gut 100 Meter gekürzt hatte, um das Gebäude rechtzeitig zur Fußball-WM 2006 in Betrieb nehmen zu können.

Oder selbst schon wieder Kunst?

Im Kontext der Vermenschlichung der Städte jedenfalls könnte der Zoff um die Wandbemalung der Hafenkäserei zum Boomerang werden. Die meisten Menschen können mit grauen kahlen Wänden im öffentlichen Raum wenig anfangen – und in Münsters Facebookgruppen und den Kommentarfunktionen ergibt sich derzeit ein erstaunlich einstimmiges Meinungsbild, welches das Vorgehen der Architekten für ziemlich überzogen hält. Vielleicht hat da jemand vergessen, dass er Gebäude in erster Linie für Menschen baut – und nicht als in Beton gegossenes Aushängeschild für die eigene Vita?

 

 

 

 

 

2 Kommentare zu “Hafenkäserei: Münster bekennt Grau

  1. Amicus Veritatis

    Ob sich die Architekten auf ein Urheberrecht berufen können ist gar nicht so eindeutig. Fraglich ist u.a., ob die sogenannte Gestaltungs- oder Schöpfungshöhe bei dem Betongebäude schon erreicht ist. Das Bauwerk müsste sich dafür von der Masse des durchschnittlichen, routinemäßigen, üblichen und alltäglichen Bauschaffens abheben und nicht nur das Ergebnis eines rein handwerklichen oder routinemäßigen Schaffens darstellen, Werner/Pastor Rn. 2439. Originalität und Individualität des Gebäudes könnten durchaus bezweifelt werden, was die zitierten Facebook-Diskussionen nahelegen.

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