Um Himmels Willen, nutzt die Verbandsfahrt!

Eigentlich war ich noch dabei, einen Blog-Eintrag zum Dooring-Unfall in Berlin letzte Woche zu schreiben, da schlägt das Unglück wieder brutal zu: Diesmal hat es zwischen Bremen und Oldenburg einen 14jährigen Radfahrer erwischt, der bei einem Schulausflug von einem überholenden PKW überfahren wurde. Das klingt zunächst nach dem typischen Fahrbahnunfall, vor dem Infrastruktur-Fetischisten so ungeheure Panik schieben, aber hier war die Sache wohl etwas anders und auch wieder recht typisch:

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Der getötete Schüler und ein Klassenkamerad fuhren anscheinend zunächst noch weiter auf der rechten Fahrbahn, während die aus zwei Klassen bestehende Gruppe sich bereits auf dem linksseitigen, fahrbahnbegleitenden gemeinsamen Geh- und Radweg befand. Der Unfall des Schülers entpuppt sich also bei genauerer Betrachtung mit höchster Wahrscheinleichkeit als typischer Querungsunfall, wie er immer wieder bei der schlimmsten Ausgeburt der Verkehrsplanerhölle vorkommt: Dem einseitigen Zweirichtungsradweg.

Durch die lediglich einseitige Führung sehen sich – selbst, wenn die Benutzungspflicht wegen kurzer Strecken entfällt – immer wieder Radfahrer genötigt, die Fahrbahn zu queren. Die Folgen sind fatal, denn es entsteht nicht nur ein zusätzliches Risiko durch die Querung selbst, auch die physikalischen Folgen werden mitunter potenziert, weil der Radfahrer zum Queren die Geschwindigkeit mindert und dadurch die Kollisionsgeschwindigkeit steigt. Hier hätte der Verbleib auf der rechten Fahrbahnseite – sofern man das aus der Ferne beurteilen kann – dem Schüler wohl das Leben und seinen traumatisierten Mitschülern die Sommerferien gerettet.

Die Verbandsfahrt gemäß § 27 Abs. 1 S. 2, 3 StVO

Bisher nicht beachtet wurde dabei von den berichtenden Medien, dass die Gruppe durchaus auf der Fahrbahn hätte weiterfahren dürfen. Eine Gruppe von zwei Schulklassen erfüllt nämlich locker die Erfordernisse von 16 Teilnehmern zu einer Verbandsfahrt gemäß § 27 Abs. 1 S. 2,3 StVO, wodurch eine Fahrbahnfahrt ausdrücklich erlaubt wird.

Für diese Sondererlaubnis gibt es zwei gute Gründe:

  1. Nahezu keine Radverkehrsanlage ist für so große Gruppen ausreichend dimensioniert. Das gilt gerade für Anlagen außerhalb geschlossener Ortschaften und insbesondere für gemeinesame Geh- und Radwege. Bei derartigen Gruppenstärken kommt es auf solchen Anlagen zu einer erheblichen Enge, die entsprechende Sturzgefahren heraufbeschwört.
  2. Geschlossene Gruppen auf der Fahrbahn sind für Kraftfahrer wesentlich besser überschaubar. Das gilt ebenfalls verstärkt bei einer Jugendgruppe, bei der es immer zu gewissen altersbedingten Disziplinlosigkeiten kommen kann.

Leider – und das ist der Grund, weswegen ich den handelnden Lehrern als Aufsichtspersonen erstmal keinen Vorwurf machen will – ist die Sonderregel von der Verbandsfahrt viel zu sehr in Vergessenheit geraten. Eigentlich sollte diese Regelung jeder Klassenlehrer oder auch Jugendgruppenleiter vom Kirchenchor, Sportvereinen oder Pfadfindern kennen und auch anwenden und vermitteln können. Besser noch wäre, den Verband vorne und hinten jeweils abzusichern, vielleicht durch gleiche T-Shirts oder Fähnchen am Fahrrad kenntlich zu machen und die Verbandsführer – also die Lehrer – durch hier wirklich sinnvolle Warnwesten erkennbar zu machen. Aber während beispielsweise bei Klassenfahrten peinlichst darauf geachtet wird, dass für Schwimmbadbesuche immer ein als Rettungsschwimmer ausgebildeter Sportlehrer die Veranstaltung begleitet, werden diese Kenntnisse bei Fahrradexkursionen nicht vorausgesetzt.

Ich sehe da natürlich wieder die üblichen Verdächtigen von polizeilicher Unfallverhütung und den Verkehrswachten in der Pflicht. Von der Seite dürfte aber wieder nur das übliche Vitcim Blaming mit Blinkies und Fahrradhelmen kommen und das man doch bitte auf jeden Fall sie unglaublich sicheren Fahrradwege nutzen möge…

Von daher, liebe Web-, Leser- und Kampfradlergemeinde: Spread the word! Ladet die Lehrer Eurer Kinder zur Critical Mass ein, bringt Ihnen bei, wie man richtig im Verband fährt, damit bei der nächsten Exkursion Euren Koten nix passiert.

Update: Ortsbeschreibung des Unfalls angepasst.

 

 

Ein Kommentar zu “Um Himmels Willen, nutzt die Verbandsfahrt!

  1. berlinradler

    Es im Nachhinein als Außenstehender besser zu wissen, ist immer schwierig. Dass Radwege nicht unbedingt für Radfahrer gebaut werden, ist vielleicht einem kleinen harten Kern von Leuten bekannt, die sich mit solchen Fragen beschäftigen. Dass ganze Schulklassen auf der Fahrbahn fahren sollen, wird aber weder Lehrer, noch Eltern, noch Schüler überzeugen. Vorwerfen kann man ihnen das nicht.

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