Fahrradhelme: Gibt es einen Routing-Störfaktor?

Der Startpunkt meiner Beschäftigung mit der Sicherheit des Radverkehrs liegt ja bekanntermaßen bei den Fahrradhelmen. Seit den ersten Zeilen dieses Blogs plage ich mich dabei mit der Tatsache herum, dass kaum belastbare Helmtrageqouten aus einzelnen Städten vorliegen. Zwar veröffentlicht das Verkehrsministerium jedes Jahr die Helmtrageqoute in der Bundesrepublik – allerdings ohne Angabe der Zählstellen. Für meine Arbeit in Münster musste ich so immer mal wieder auf Krücken zurückgreifen – beispielsweise hatte 2015 die UdV einmal an der Wolbecker Straße eine Helmtrageqoute als „Beifang“ einer anderen Untersuchung ermittelt.

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Wünschenswert ist die Kenntnis einer solchen stadtweiten Helmtrageqoute aus einem einfachen Grund: Die Polizei Münster notiert bereits länger bei Verkehrsunfällen, ob ein Fahrradhelm getragen wurde. Dieses Helmtrageqoute im Hellfeld ist dabei erstaunlich hoch und lag in den letzten Jahren immer irgendwo zwischen 13 und 16 Prozent. Das ist ein erstaunlich hoher Wert, denn die Stichprobe der UdV hatte 2015 nur eine Helmtrageqoute von 9 Prozent ergeben. Dies deutet auf eine höhere Unfallgefährdung behelmter Radfahrer hin.

Um wenigstens im nächsten Jahr belastbare Zahlen vorliegen zu haben, begann ich vor einigen Monaten selbst damit, stichprobenartige Zählungen durchzuführen. Das Büro meines Arbeitgebers liegt in unmittelbarer Nähe der Promenade. Ich kann also in meiner Mittagspause bequem Hobbyforschung mit ein wenig Frischluft vereinbaren – ein recht angenehmes Opfer. Ich zählte dabei immer 200 Radfahrer ab und notierte mir die vergangene Zeit, um später auch eine halbwegs brauchbare Wichtung der einzelnen Proben vornehmen zu können.

Dabei ging ich zunächst davon aus, auf der Promenade ein halbwegs repräsentatives Ergebnis für Münster erstellen zu können. Der Grüngürtel um die münstersche Innenstadt wird von allen Fahrradfahrern gleichsam genutzt. Doch ich erlebte eine Überraschung:

Zur Kontrolle dieser These führte ich nicht nur Zählungen an der Promenade durch, sondern stellte mich auch ein paar Mal an das Segment des Ludgerikreisels vor der Ausfahrt zur Moltkestraße. Während sich die Helmtrageqoute auf der Promenade derzeit im Durchschnitt bei 12-13 Prozent einpendelt, liegt sie auf dem Ludgerikreisel bei sämtlichen fünf bisher von mir durchgeführten Zählungen weit darunter. Bei vier von fünf Zählungen wurde nicht einmal die Zehn-Prozent-Marke Helmtrageqote durchbrochen.

Einen so deutlichen Unterschied hatte ich nicht erwartet – und er kann bei der Menge der Zählungen eigentlich auch kein Zufall mehr sein. Vielmehr deutet diese Diskrepanz der Stichproben darauf hin, dass hier noch mehr im Busch ist. Etwas, dass bisher in der Forschung – soweit ich weiß – überhaupt nicht in Betracht gezogen wurde:

Es scheint einen Routen-Störfaktor zu geben.

Der münstersche Ludgerikreisel gilt gemeinhin für Radfahrer als unangenehm bis unsicher, während die Promenade einen sehr guten Ruf in Sachen Verkehrssicherheit hat. Somit ist es nicht verwunderlich, wenn Menschen, die sich einen Fahrradhelm zulegen, auch den Kreisverkehr meiden. Aber damit tut sich eine weitere Erklärungsmöglichkeit für das bessere Abschneiden helmtragender Unfallopfer in entsprechenden Fall-Kontroll-Studien auf:

Wenn Helmträger subjektiv als unsicher empfundene Routen mit hoher Belastung durch Kraftverkehr von vornherein vermeiden, dürfte sich das auch auf die durchschnittliche Verletzungsschwere auswirken. Der Effekt ist möglicherweise so stark, dass sich aus Fall-Kontroll-Studien hierdurch überhaupt keine Aussagen mehr über die Schutzwirkung von Fahrradhelmen treffen lässen.

Wirklich zuverlässige Daten zur Helmtrageqoute in Münster habe ich derweil immer noch nicht. An der Promenade und am Kreisverkehr sind solche Daten wohl nicht zu beschaffen. Am besten geeignet wären dafür wohl die Eisenbahnunterführungen an den Ausfallstraßen – die kann man nämlich wirklich nicht umgehen. Aber dafür ist mir meine Mittagspause dann doch zu schade…

 

 

4 Kommentare zu “Fahrradhelme: Gibt es einen Routing-Störfaktor?

  1. Norbert

    Ich vermute, dass die Trageqoute auch abhängig ist von Wetter . Bei schlechtem Wetter sind eher Vielfahrer unterwegs und die tragen häufiger einen Helm als Hin-und-wieder-Fahrer nach meiner Beobachtung. Sie wird auch abhängig sein von der Uhrzeit und dem Wochentag.

    Am Ende braucht es vermutlich ein umfassendes Erfassungsprogramm auf automatisierter Basis, aber Helme von Mützen zu unterscheiden dürfte für Programme nicht trivial sein.

  2. Götz

    Schon mal über den Sachverhalt nachgedacht
    – Unsichere Radfahrer haben mehr Unfälle
    – Unsichere Radfahrer tragen ehr ein Helm

    Damit kannst du den beobachten Sachverhalt eventuell aufklären.

    Gruß Götz

    P.s.: Die meisten schwere Kopfverletzungen treten bei Autofahrern und Fußgängern auf, wann fangen diese gefährdeten Verkehrsteilnehmer endlich an Helme zu tragen.

  3. Sven

    Eigentlich ist es doch so einfach. Regelmäßig gibt es Verkehrszählungen. Anstatt nur nach Auto/LKW/Fahrrad zu unterscheiden wäre es ein leichtes die Tragequote mit zu erfassen.

    1. Norbert

      Die finden immer häufiger automatisiert statt. Ich denke, dass es technisch schwierig ist, Mützen und Helme eindeutig genau unterscheiden zu können bei der Erfassung, wenn dies durch Kameras passiert. Wenn das durch Bodenindikatoren erfolgt, kann das gar nicht möglich sein.

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