Glosse: Astronauten gegen Killerschafe

Mitte August des Jahres bin ich uralubsreif bis zum Anschlag. Nach Wochen und Monaten im halsbrecherischen münsterschen Stadtverkehr, Rumärgerei mit denkfaulen Polizisten und faschistoiden Automachos will ich nur noch raus. Raus aus der Stadt, raus aus Münster, raus aus Nordrhein-Westfalen, raus, ach, raus eigentlich überall. Insofern habe ich es mit meiner Herkunft ganz gut getroffen. Denn ich komme ja eigentlich aus Ostfriesland und meine Familie wohnt dort immer noch. Wenn ich raus will, kann ich mich völlig unproblematisch in die nächste Westfalenbahn Richtung Norden setzen und bin in zwei Stunden an der Küste. Genau das habe ich am Anfang meiner zwei Wochen Sommerurlaub auch gemacht.

Anzeige

Das alte Haus meiner Oma steht nur zehn Fahrradminuten vom Emder Außenhafen entfernt, und weil mein Bedürfnis an raus wirklich gigantisch ist, sitze ich einen Tag später auf der MS Ostfriesland Richtung Borkum. In deren Bauch steht mein altes Studentenrad, etwas rostig, die Schaltung nicht wirklich geschmeidig, aber grundsolide. Es ist ein Experiment. So einen Eintages-Insel-Trip habe ich schon etliche Male gemacht, meist in Begleitung eines alten Schulfreunds und seiner Frau, aber diesmal geht es allein los. Nicht nur, weil der Kumpel an diesem Tag, der in diesem verregneten Sommer einer der heißesten werden soll, bei Volkswagen Passate zusammenkloppen muß. Raus. Alleine raus. Kopf freikriegen, Luft durchpusten und vielleicht die Füße in die Nordsee halten.

Das Borkum-Virus ist übrigens so eine Familienangelegenheit: Mein Ur-Opa wurde dort geboren und hat seine beiden Töchter im Zweiten Weltkrieg dorthin in Sicherheit gebracht. Meine Oma hat uns dann alle damit angesteckt: Meinen Opa, meine Mutter und meine Tante, uns Enkel. Lange hatten meine Großeltern dort einen Wohnwagen stehen – und wenn Opa genug von Emden, der Firma und vielleicht auch von meiner Oma hatte, dann saß er auf der Fähre oder im Flieger nach Borkum. Raus, raus, raus.

Standard-Radweg auf Borkum: Sand, Sand, Sand, Dünengras…

Den Flieger oder ein Taxi kann ich mir nicht, will ich mir nicht leisten. Normalerweise schafft man es bei so einer Tagestour mit der Inselbahn gerade ins Inseldorf und an den Haupstrand. Der ist nett – aber in der Hauptsaison auch knüppelvoll. Für meinen Bedarf an raus ist das nicht ausreichend – ich brauche die weiten Dünen des Borkumer Ostlands, diesen endlosen Strand, wie man ihn an der Nordsee eigentlich so nicht findet. Deswegen das Experiment: Die zehn Euro, die sonst für eine wertvolle weitere Stunde Borkum für den Katamaran-Zuschlag draufgehen, investiere ich lieber in das Ticket für das Fahrrad. Und die Idee ist gut. Verdammt gut, wie ich bald merke…

Während die komplette Unterstufe des Emder Max-Windmüller-Gymnasiums, ebenfalls auf Tagesausflug, mit der Inselbahn Richtung Inseldorf und Hauptstrand abdieselt, prügele ich mein altes Studi-Eselchen erst die Reedestraße, dann den Inseldeich auf der Südseite der Insel entlang und liefere mir ein Wettrennen mit ein paar übermütigen Seeschwalben. Entschleunigung im Eilverfahren. Auf Höhe des Tüskendörsees dann hat mich die Insel genug runtergebracht, dass ich einen Schluck trinke und das erste Mal die Kamera heraushole, Salzluft atme und einer Segeljacht auf dem glitzernden Wattenmeer hinterherschaue. Etwas gemächlicher geht es weiter Richtung Steerenk-Klipp, wo Wernher von Braun die ersten Vorläufer der V2-Rakete Richtung Memmert gefeuert hat.

Nach und nach nähere ich mich dem Ostland, jener kleinen Siedlung, wo sich meine Oma auf dem Bauernhof ein paar Mark dazuverdient hat. Später hat der Bauer dann auf einer seiner Weiden einen Campingplatz eingerichtet. Dort stand der Wohnwagen meiner Großeltern. Dort, wo ich als Kind schon durch die Dünen getollt bin, lege ich mein Fahrrad in den Sand, klettere die letzte Düne vor dem Strand zu Fuß hoch, greife wieder nach der Kamera. Raus. Den Augenblick festhalten. Fokussieren. Horizont ausrichten. Auslöser, das Schnappen des Spiegels. Wieder der Augenblick. Ça-a-été!

Und dann:

Fahrradhelme.

Verdammt. Wer hat *HIER* seine Fahrradhelme abgelegt?

Ich stehe auf einer Düne auf Borkum, will mit der Kamera ein paar Aufnahmen für ein Panorama schießen und rechts vor meinen Füßen, natürlich im Blickbereich meines Weitwinkelobjektivs liegt ein kleiner, aber unübersehbarer Berg von Fahrradhelmen. Natürlich bin ich auch auf dem Borkumer Ostland nicht allein. Der Campingplatz, zwei Ausflugsgaststätten und das wirklich lohnende Ziel einer Radtour aus dem Inseldorf treiben natürlich auch ein paar andere Menschen hierher – man nimmt sie wahr, aber sie pflastern eben nicht den kompletten Strand zu. Damit hatte ich gerechnet.

Aber warum zur Hölle setzt jemand hier einen Fahrradhelm auf? Ich weiß ja, wie der Hase mit dem Marketing inzwischen läuft. Ich kann nachvollziehen, warum bei der ganzen Dauerberieselung mit Pseudo-Sicherheits-Propaganda jemand auf den Trichter kommt, im hektischen Münsteraner Stadtverkehr so ein Plastikdings auf den Kopf zu setzen. Noch besser verstehe ich es, wenn ein Mountainbiker das auf irgendwelchen abgelegenen Stock-und-Stein-Trails macht, wo so eine Kopfplatzwunde durch einen Ast oder bei einem Abflug wirklich fies sein kann.

Unter Schafen: Das Wollvieh ist nicht wirklich für seine Aggressivität bekannt.

Aber das hier ist Borkum. B-O-R-K-U-M. Ein Sandhaufen im ostfriesischen Wattenmeer. Mit einer einzigen Hauptverkehrsstraße, über die zwar ein paar Insulaner wie besoffene Henker gurken, die man aber auf all den kleinen Dünenpfaden und Fahrradwegen komplett umfahren kann, wenn man keinen Bock auf Konflikte mit Kraftverkehr hat. Ansonsten gibt es Sand, Sand, Sand, weiches Inselgras, ein paar Sanddornbüsche, Kühe, Schafe, Robben und Möwen – und noch mehr Sand. Ostfriesische Inseln gehören gemeinhin zu den Orten, wo man Dreijährige bedenkenlos umhertollen lassen kann.

Es ist nicht das erste Mal, dass mir in Ostfriesland Helmträger vorkommen, wie Astronauten von einem anderen Planeten. Niederländer erkennen Deutsche zuverlässig am Fahrradhelm. Ostfriesen geht das mit Touristen von südlich des Mittellandkanals ähnlich. Oft genug bin ich bei Sonntagsausflügen in all den kleinen Dörfern am Emsufer unterwegs gewesen. Für das kleinere Bedürfnis an raus reicht auch mal der Blick über die Ems an der Eisenbahnbrücke Hilkenborg oder ein Kurztrip ins Fischerdörfchen Ditzum. Beiderseits der Ems führen Wirtschatfswege den Deich entlang – ausgeschildert für das touristische Publikum als Dollartroute oder Ems-Radweg.

Mutter der Protected Bike Lane: Deich-Seitenweg in Mitling-Mark.

Diese Wege sind so etwas wie die Mutter der Protected Bike Lanes. Auf der einen Seite der Deich, auf der anderen Seite endlose Kuhwiesen. Für die Landwirte sind die Wege asphaltiert – oder zumindest mit großflächigen Zementplatten gepflastert. PKW verirren sich kaum dorthin – auch weil man Gefahr läuft, irgendwo nach ein paar Kilometern an einem Gatter nicht weiterzukommen. Ostfriesen befahren solche Strecken routinemäßig, sei es als schnelle Alltagsroute oder auch auf Fahrradtour mit ’ner Pulle Jever am Lenker: Natürlich machen sie das auch ohne Helm. Stürzen ist auf diesen Wegen nahezu unmöglich – vorausgesetzt, man hat sich zum Jever nicht zu viel Kruiden reingeballert. Anderen Verkehr außer andere Radfahrer und ab und zu einen Trecker gibt es nicht. Und Schafe sind nun nicht wirklich die aggressivsten Tiere – zumindest nicht die Weibchen (Böcke widerum können derart Randale machen, dass man sie erst gar nicht auf den Deich läßt).

Alle Mann an Bord: Die winzige Fähre zwischen Ditzum und Petkum. Fahrradhelm selbstverständlich. Hust.

Egal ob in den Borkumer Randdünen, endlosen Wirtschaftswegen durch den Hammrich, auf der aus der Zeit gefallenen Ems-Fähre zwischen Ditzum und Petkum – überall trifft man ihn an, diesen in der Regel nordrhein-westfälischen oder gar schwäbischen Astronauten in seiner neonfarbenen Überlebensausrüstung, mit Funktionsjacke, gepolsterter Radhose und Nudelsieb auf dem Kopf. An ihren Lenkern hängt das GPS-Navi, als sei es der Tricorder von Captain Kirk. Und auf der Rückfahrt Richtung Süden in der Westfalenbahn erzählen sie sich dann die neueste A-Helmet-Saved-My-Life-Geschichte, als hätten sie gerade als erste Vertreter der menschlichen Spezies den Mars erkundet – und nicht eine Strecke zurückgelegt, die manch  ostfriesischer Milchbauer mal eben am Vormittag mit seinem alten Hollandrad abklappert, um nach seinen Tieren zu sehen. Ohne Helm, wohlgemerkt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Durch das Fortsetzen der Benutzung dieser Seite, stimmst du der Benutzung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen", um Ihnen das beste Surferlebnis möglich zu geben. Wenn Sie diese Website ohne Änderung Ihrer Cookie-Einstellungen zu verwenden fortzufahren, oder klicken Sie auf "Akzeptieren" unten, dann erklären Sie sich mit diesen.

Schließen