Buchtipp: Der letzte Führerscheinneuling…

Kaum hatte das (auch von diesem Blog seiner Vernunft wegen innig verehrte) Bundesverwaltungsgericht in Leipzig sein Urteil zu Fahrverboten für Diesel unters Volk gebracht, da schwoll sogleich das Surren der nun in für sie ungewohnte Rotation versetzten Diesel-Fanboys an. Das Gejaule und Gejammer vom Sterben des Selbstzünders nimmt dabei bizarre Formen an: Hege ich für all die geprellten Betrugsopfer aka. Kunden der Automafia, die mitunter wenige Monate nach Anschaffung eines fabrikneuen fahrbaren Untersatzes mit erheblichen finanziellen Einbußen konfrontiert werden, noch ein gewisses Verständnis, wird in den sozialen Medien derzeit von Zusammenbruch des Handels, des Handwerks, des Rettungsdienstes, ja sogar dem Untergang des Abendlandes aller mögliche Schwachfug herbeiphantasiert – bis hin zu stumpfdümmsten Stolzheitsbekundungen von ganz rechts aussen…

Dabei verdeckt der schrille Diskurs derweil das grundlegende Problem der Entwicklungen der vergangenen fünf bis zehn Jahre: Wir tapferen teutonischen Automobilbauer sind nicht allein auf diesem Planeten.

Für all jene, denen nicht gerade von Dieselabgasen vernebelt der Wutschaum aus dem Mundwinkel sabbert, gibt es erhellende Lektüre: Auf knapp 500 Seiten fasst der  österreichische Wirtschaftsberater Dr. Mario Herger in Der letzte Führerscheinneuling… den weltweiten Status quo der Entwicklung moderner Elektroautos und autonomer Fahrzeuge zusammen. Dabei kommt Herger gar nicht aus der Automobilbranche, sondern hat die Jahre seit der Jahrtausendwende im Silicon Valley zugebracht, also immer auf Tuchfühlung mit Unternehmen wie Google oder Apple, die den letzen zwanzig Jahren unterschiedlichste Wirtschaftsbereiche mit Innovationen derart umgegraben haben, als gelte es, die Sahara urbar zu machen.

Ist der letzte Führerscheinneuling bereits geboren?

Bereits die Ausgangsthese Hergers Ausführungen ist dazu geeignet, deutschen Verbrenner-Fanboys Zornesröte und Wutschaum ohne Tempolimit ins Gesicht zu treiben: Der letzte Mensch, der sich mit einer Führerscheinprüfung rumplagt, ist vermutlich bereits geboren. Unklar ist lediglich, wo und wann. Innerhalb der nächsten zehn bis dreißig Jahre wird unsere Mobilität einem so starken Wandel unterworfen werden, dass ein eigener Führerschein schlicht nicht mehr notwendig ist.

Herger beschwört in Der letzte Führerscheinneuling… ein Szenario herauf, das er immer wieder mit der Situation vor der Präsentation des ersten iPhones vergleicht: Mit dessen Einführung kamen etliche Handyhersteller in massiv ins Schleudern. Nokia traf es am Härtesten. Innerhalb weniger Jahre schrumpfte der Branchenpriumus vom Marktführer zum Nischenanbieter für einfache Ramschware auf den Grabbeltischen der Flächenmärkte. Am Ende verkauften die Finnen ihre Mobilfunkabteilung unwürdig an Microsoft, die mit den Resten vergeblich versuchten, noch auf den unter Volldampf stehenden Smartphone-Zug aufzuspringen.

Uns um 1975, 1980 Geborenen kommt so ein Szenario unglaublich bekannt vor. Obwohl wir erst verhältnismässig kurz über den Planeten stolpern, haben wir schon eine Menge solcher disruptiver Entwicklungen erlebt. Es ist in unserer Kindheit gleich mehrfach vorgekommen, dass die Firma, die eben noch das technische Gimmick unter den Weihnachtsbaum gestellt hat, zwei, drei Weihnachten später überhaupt nicht mehr existierte. In den 1980er-Jahren etwa traf es Atari und Commodore: Erstere fuhren ein Videospiel-Imperium gegen die Wand, sodass ein japanischer Spielkartenhersteller mit zwei Klemptnerbrüdern den Markt von hinten aufräumen konnte, zweitere setzten noch auf proprietäre Lösungen, während Microsoft sein Betriebssystem auf billige Industriehardware aufspielte und so massentauglich wurde. Apple wäre in dem dadurch erzeugten Strudel beinahe ebenfalls abgesoffen.

Mein persönliches Lieblingsbeispiel für so eine Disruption ist aber der iPod – und was er mit dem Markt für tragbare Musikspieler anstellte. Apple hat den MP3-Spieler nicht erfunden – eigentlich war Apple sogar relativ spät dran. Das iPod-Konzept war um die Jahrtausendwende stattdessen zum Greifen nah: Man nehme eine Notebook-Festplatte, einen schnellen Hardware-Decoder, einen Akku, baue das ganze in ein schickes Gehäuse und füttere das Ganze mit digitalisierter und komprimierter Musik. Fertig. Fortan wäre der ganze Ärger mit Kassetten und Bandsalat oder mit zerkratzen CDs Geschichte. Doch die Musikindustrie und ihre klassischen Hardware-Hersteller wie Technics, Kenwood oder Blaupunkt schliefen. Allen voran schlief Sony – und das hatte Gründe:

Sony verdiente mit portablen Abspielern gutes Geld und hatte seinen Imagebonus vom Walkman halbwegs erfolgreich auf den Discman übertragen. Darüber hinaus hatte man mit der MiniDisc ein hervorragend für den neuen Einsatzzweck geeignetes Speichermedium entwickelt. Gleichzeitig war und ist Sony aber auch selbst Plattenlabel und fürchtete mit dem Angebot digitalisierter, frei kopierbarer Musik um das eigene Geschäft. Statt selbst innovativ zu sein, leistete sich Sony 2005 einen peinlichen Skandal, weil man ehrlichen Käufern von CDs heimlich selbstinstallierende Schadsoftware unterjubelte, die das Kopieren von CDs verhindern sollte.

Der weitere Gang der Geschichte ist bekannt: Mit Apple revolutionierte eine branchenfremde Firma innerhalb weniger Jahre den gesamten Markt – weil Apple es als erste gelang, die friemelige Kompressionsarbeit, einen Musikshop und eine Musikverwaltung für den Abspieler in eine einfach zu bedienende Software zu gießen.

Kommt bald die Disruption in der Automobilindustrie?

Der Zustand der Automobilindustrie ist, so Herger, ein Zustand unmittelbar vor einer vergleichbaren Disruption: Die Technologien für ein lang ersehntes Produkt liegen auf dem Tisch. Wir haben inzwischen die Sensortechnologie und die Rechenkapazitäten, die für ein autonomes Straßenfahrzeug erforderlich sind. Eine Vernetzung solcher Fahrzeuge untereinander, die Möglichkeit sich mit dem Smartphone mal eben ein solches autonomes Taxi zu bestellen, wird die Notwendigkeit eines eigenen Automobils und damit die Flottengrößen kollabieren lassen. Dass diese Fahrzeuge elektrisch betrieben werden, ist dabei eher ein Nebenkriegsschauplatz.

Die deutsche Automobilindustrie hat dabei die entscheidenden Entwicklungen bereits verschlafen. Während Volkswagen, Daimler-Benz und Co. in unwürdigen Prozessen und mit grenzkorrupter Lobbyarbeit versuchen, in Deutschland die Uhren anzuhalten, wird Google ab April die ersten völlig autonomen Fahrzeuge unter kalifornischer Sonne testen dürfen, die dann nichtmal mehr über ein Lenkrad verfügen müssen.

Als vor ein paar Wochen Elon Musk eines seiner Fahrzeuge in Richtung Kuiper-Belt beförderte, war das wieder so ein Schuss, den die Welt gehört hat. Mit Ausnahme der deutschen Automobilindustrie…

Herger, Dr. Mario: Der letze Führerscheinneuling… ist bereits geboren. Wie Google, Tesla, Apple, Uber & Co unsere automobile Gesellschaft verändern und Arbeitsplätze vernichten. Und warum das gut so ist, Plassen Verlag 2017, ISBN-13: 978-3864705380, 24,99 Euro (Beziehen über Amazon)

 

 

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