Presseschau Fahrrad: Nein, ich kann auch positiv

Gerne wird Fahrrad-Bloggern und -Aktivisten in den sozialen Medien mal die Karte des Nörglers zugesteckt. Ich fürchte, gerade der Westfale ist etwas sensibel, was Kritik an der Heimatregion oder der Metropole angeht. Als Ostfriese mit Berliner Wurzeln, der viel mit Ruhrpottlern zu tun hatte, bin ich eigentlich ganz anders sozialisiert worden: Sowohl in Ostfriesland, bei meinen Potsdamer Großeltern und bei den Pottis, mit denen ich in der Kindheit und später im Studium viel verkehrt habe, hieß „Du kannst uns alles sagen“ auch „Du kannst uns alles sagen“. In Westfalen bedeutet „Du kannst uns alles sagen“ allerdings soviel wie „Du kannst reden, was Du willst – anhören werde ich das noch lange nicht, dafür darf ich Dir dann aber jeden Scheiß an den Kopp knallen“.

Anzeige

Dabei bin ich gar kein so negativer Mensch, sondern weiß durchaus zu schätzen, wenn jemand gute Arbeit leistet – gerade dann, wenn hierzu ein Überdenken der eigenen Position notwendig ist. Leider gab es aus Münster diesbezüglich innerhalb der vergangenen Jahre kaum Positives zu berichten. Münsters Gemengelange aus einer unkritischen Lokalzeitung mit Monopolstellung, einer voreingenommenen victim blamenden Polizei und einer in Sachen Radverkehr vom Rechtsstaat entkoppelten Statdtverwaltung ließen mir eigentlich keine andere Möglichkeit, als immer wieder verbal draufzuhauen.

Dass es auch anders geht, zeigen drei Beispiele der letzten Woche, die mir hier auf den Laptopbildschirm geflattert sind. Eines der Beispiele kommt sogar aus Münster – aber dazu ganz am Ende.

Stern.de: Klickbaiting mit harten Fakten

Den Anfang macht Stern.de – die Überschirft Für Autofahrer kaum zu glauben: Das dürfen Radfahrer alles im Verkehr impliziert klassisches Klickbaiting. Dahinter versteckt sich dann aber ein gut recherchierter Infotainment-Artikel, der genau die Infos unter die autophile Leserschaft bringt, die auch dieser Blog hier wieder und wieder an den Mann oder die Frau zu bringen versucht – und im Gegensatz zum zweitgrößten Nachrichtenmagazin Deutschlands natürlich an in der Aktivisten-Blase kleben bleibt. Bei Stern.de landet die Info direkt in der Höhle des Löwen, was sich am Wutschaum in den Facebook- und Twitterkommentaren niederschlägt. Auch vor einem heißen Eisen wie dem Wegfall der Benutzungspflicht auf Grund Unzumutbarkeit (also trotz Anordnung, aber wegen Glasbruch, Schnee oder doofen Falschparkern) scheut sich Stern.de nicht. So deutlich habe ich das bisher noch in keinem Mainstream-Medium gelesen! Dicker Dank!!! (und schwupps, habe ich die Ausrufezeichen für dieses Jahr aufgebraucht…)

Polizeidinspektion Emsland/Grafschaft Bentheim: Aufklärung zu Saisonbeginn

Dass polizeiliche Pressemitteilungen zur Verkehrssicherheit sich nicht – wie in Münster üblich – in Victim Blamig und Bekleidungsempfehlungen erschöpfen müssen, zeigt eine kurze Pressemittteilung der Polizeiinspektion Emsland/Grafschaft Bentheim zum Beginn der Radtouren-Saison. Weil das Emsland beliebtes Ziel und Ausganspunkt (mintunter auch feucht-fröhlicher) Fahrradausflüge ist, weisen die Polizisten nicht einseitig die bösen, saufenden Kampfradler zurecht, sondern arbeiten deutlich die Sonderrechte einer Verbandsfahrt heraus und mahnen Kraftfahrerinnen und Kraftfahrer zu Besonnenheit und ausreichenden Sicherheitsabständen beim Überholen einer solchen. Hätte ich von der Polizei Münster innerhalb der letzten drei, vier Jahre auch nur eine derart ausgewogene Pressemitteilung gelesen und nicht nur willkürlichen, unwissenschaftlichen Schrott, wäre meine Wortwahl gegenüber der Bande sicherlich nicht so drastisch geworden – dann hätte nämlich auch eine gemeinsame Gesprächsgrundlage bestanden.

Westfälische Nachrichten: Endlich Sprachrohr für die Unfallopfer

Hier kommt nun die (für mich) große Überraschung in dieser kleinen Presseschau. Mit ausschlaggebend für die Einrichtung dieses Blogs war eine Serie schwerer und tödlicher Unfälle mit Radfahrerbeteiligung um im Wintersemester 2014/2015. Neben zwei tödlichen Unfällen auf der Wolbecker Straße kam es im September 2014 zu einem schweren Abbiegeunfall an der Ecke Hansaring und Bremer Straße. Dabei wurde eine seinerzeit 44jährige Frau lebensgefährlich verletzt. Die Westfälischen Nachrichten ließen vor einigen Tagen das Unfallopfer zu Wort kommen. Der Artikel hatte die Qualitäten eines Augenöffners: Das Unfallopfer war eben keine „Kampfradlerin“ – sondern eine mitten im Leben stehende münstersche Ärztin. Eindrücklich schilderte die Dame den – noch immer nicht ganz abgeschlossenen – Genesungsprozess, inklusive weitgehender Quarantäne auf Grund von Infektionsgefahr: So viel Körperoberfläche war beim Mitschleifen unter dem LKW zerstört worden. Eindrücklich auch: Die letzten Sekunden vor dem Unfall. Der LKW zog derart schnell, unvermittelt und unvorhersehbar rechts rein, dass die Frau keine Chance hatte, noch irgendwie zu reagieren.

Leider mussten die Westfälischen Nachrichten den Artikel aus rechtlichen Gründen wieder aus dem Onlineauftritt nehmen. Zu gerne hätte ich das Ding jedem Fernfahrer oder Polizisten ins Gesicht gedrückt, der wieder davon anfängt, Radfahrer möchten doch aus eigenem Interesse in solchen Situationen auf die Vorfahrt verzichten. Erfahrene Kampfradler können das vielleicht –  Kinder, Rentner und Frauen mittleren Alters verrecken aber unterm LKW, noch bevor sie die Gefahrensituation überhaupt erst erkannt haben.

Ein Kommentar zu “Presseschau Fahrrad: Nein, ich kann auch positiv

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Durch das Fortsetzen der Benutzung dieser Seite, stimmst du der Benutzung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen", um Ihnen das beste Surferlebnis möglich zu geben. Wenn Sie diese Website ohne Änderung Ihrer Cookie-Einstellungen zu verwenden fortzufahren, oder klicken Sie auf "Akzeptieren" unten, dann erklären Sie sich mit diesen.

Schließen