Motocaust am Kiepenkerl: Die erwartbare Katastrophe?

Täglich habe ich damit gerechnet:

Dass ein ein SUV oder Transporter auf der Königsstraße oder einer Promenadenkreuzung gleich mehrfach Fußgänger und Radfahrer niedermäht. Dass irgendein Suffkopp oder Rentner auf Shoppingtour auf der Rothenburg oder an einem der zahlreichen anderen Plätze Gas und Bremse nicht mehr auf die Kette bekommt und einfach in die nächste Außengastronomie kracht. Oder – und das ist das wahrscheinlichste Szenario – dass ein LKW-Fahrer sich mehr für das lustige Tittenvideo auf dem Smartphone als für den Radweg rechts interessiert und gleich mal ’ne komplette O-Gruppe der Uni Richtung Uni-Klinik und Lauheide befördert.

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Seit drei Jahren dreht sich ein großer Teil dieses Blogs und damit ein (eigentlich zu großer) Teil meines Lebens darum, die Information unter die Menschen zu bringen, dass verkehrstechnisch in der hochgejubelten deutschen Fahrradhauptstadt so ziemlich alles daneben geht und (fachlich wie politisch) falsch angegangen wird, was daneben gehen und falsch angegangen werden kann. Seit mindestens fünf Jahren versuche ich den Leuten klar zu machen, dass diese enge, mittelalterliche Innenstadt nicht dazu gebaut wurde und nicht dazu geeignet ist, mit fetten, PS-starken SUV und Lieferwagen, Kombis und Limousinen, ja sogar Mini Coopers und Smarts befahren zu werden. Und seit ich mich so intensiv mit diesem Thema beschäftige, rede ich (zumindest in Münster) gegen eine Wand kollektiven kognitiven Dissonanzverhaltens an, das mich mit westfälischer Betonköpfigkeit in die Wutbürger- und Querulanten-Ecke stellt, weil meine Recherchen und Informationen (und eben nicht meine Meinung) sich nicht mit dem Bild der weltbesten, offensten, lebenswertesten Wohlfühlstadt des Universums vereinbaren lassen.

Kiepenkerldenkmal in Münster

Als dann am 07. April 2018 um 15:27 Uhr Jens R. mit seinem Campingbus in die Außenterasse des Kiepenkerl kracht, sitze ich in Emden auf der Couch von Bekannten mit einer Flasche Bier in der Hand, checke von Zeit zu Zeit die ersten eintrudelnden Spielstände der Bundesliga auf dem Smartphone. Die Bekannten, bei denen ich bin, stehen eher auf Motorradrennen als auf Fußball, vor Start der Qualifikation läuft irgendeine Doku auf n-tv.

Irgendwann explodiert in meiner Hand Twitter und auf n-tv huschen Prinzipalmarkt, Dom, Einsatzfahrzeuge und panische Menschen über den Bildschirm – dazwischen der Eingang zur Praxis meines HNO-Arztes.

Es ist passiert.

Während das rechte Geschmeiß mit menschenverachtenden Ätzereien und Mutmaßungen den Diskurs vergiftet, Fascho-Trixi einen astreinen medialen coitus interruptus auf’s Parkett legt, bleibe ich ruhig. Schnell wird ja klar, dass es sich eben nicht um einen Unfall handelt – also eben meinen Bereich. Jens R. schießt sich noch direkt vor Ort am Kiepenkerl in den Kopf. Das macht niemand, der mal eben von der Kupplung gerutscht ist oder den ersten statt des Rückwärtsgangs eingelegt hat (OK, in der Jägerhochburg Münster ist das theoretisch sogar denkbar…). Es bleiben die Möglichkeiten Terror oder Amok.

Damit, denke ich bei mir, bin ich – zumindest, was diesen Blog anbelangt – raus. Was bleibt, ist die Sorge um meine Freunde, Bekannten und Arbeitskollegen in Münster. Das Bier und die Bekannten um mich herum helfen mir in diesen Stunden sehr. Keine meiner Menschen hat es wohl an diesem Samstagnachmittag getroffen.

Don’t take your guns to town

Doch je länger die Amokfahrt vom Kiepenkerl zurückliegt, um so mehr kommen mir Zweifel, ob ich wirklich so raus bin, wie ich das zunächst vermutet habe. Noch wenige Tage zuvor, beim monatlichen Treffen von Fahrradstadt.ms, hatte ich gewitzelt, dass man für ein Attentat in Münster seine Bombe einfach auf einen x-beliebigen Laster laden und dann direkt vor dem Bahnhof abstellen könne – weil das Ordnungsamt ja eh nix macht. Kopfschüttelnd hatte ich in den letzten beiden Jahren die LKW an den Eingängen zu den münsterschen Weihnachtsmärkten zur Kenntnis genommen, während ein Amokfahrer oder Terrorist einfach am Bremer Platz das nächste Großraumtaxi hätte kapern und damit durch Windhorststraße oder Hamburger Tunnel metzeln können.

Wer das Auto als Waffe einsetzt, hat in der Regel dessen Tauglichkeit als Massenvernichtungsmittel erkannt. Dass Jens R. als Tatwerkzeug auf seinen Campingbus zurückgriff und eben nicht auf seine Pistole, ist bezeichnend für die Verkehrssicherheit in Münster. Er wählte das Mittel, mit dem er wahrscheinlich den größten Schaden anrichten konnte. In einer trubeligen Innenstadt, in der die Stadtverwaltung dem motorisierten Verkehr viel zu viel Bewegungsraum zugesteht, ist das ein möglichst schweres, aber noch einigermaßen manövrierfähiges Auto.

Und hier überschneidet sich der Wunsch zur Verhinderung solcher Wahnsinnstaten wie am Kiepenkerl mit einer aufrichtig auf Sicherheit ausgerichteten städtischen Verkehrsplanung. Man kann zwar nur spekulieren, ob Jens R. seinen Suizid auch auf andere Menschen hätte erweitern können, wenn die Stadt Münster im Innenstadtbereich für Kraftfahrzeuge weitgehend gesperrt gewesen wäre. Aber zumindest hätte es ihm die Suche nach einem geeigneten Tatort für diese Tatausführung stark erschwert.

Man sollte sich nicht hinstellen und behaupten, dass man Amokfahrten wie am Kiepenkerl durch Verkehrsberuhigung verhindert – das wäre vermessen. Aber mit der Weigerung, den Kraftverkehr im direkten Innenstadtgebiet massiv einzuschränken, reicht die Stadtverwaltung entsprechenden Tätern das Schlachtvieh auf dem Präsentierteller dar. Und das gilt eben nicht nur für Menschen, die in voller Absicht in eine Traditionsgaststätte rasen – sondern auch für all die Pedalverwechsler, Falschabbieger und Smartphonejunkies, die im Alltagsverkehr völlig ungehindert durch Münsters gute Stube kurven.

Es wird wieder geschehen, wenn sich da nicht grundlegend etwas ändert.

PS: Wenn man in Münster Zivilcourage zeigt und gefährdende Autofahrer aufhält, muss man mit Strafverfolgung rechnen. Die Staatsanwaltschaft Münster und das Amtsgericht Münster erwarten, dass man sich als Schlachtvieh Angriffen auf das Leben nicht widersetzt. Das Aufhalten verhaltenauffälliger Herrenreiter wird mit Geldstrafe von 1.800 Euro bedacht.

 

 

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