Eine kleine Geschichte der Fahrradhelme

Ein hinkender Vergleich

Immer wieder gerne verweisen Befürworter einer Helmpflicht für Radfahrer auf den Erfolg der Gurtpflicht bei Kraftfahrzeugen. Nach jährlich über 20.000 Verkehrstoten Anfang der 1970er-Jahre hatte die Einführung des Sicherheitsgurtes und später die Anschnallpflicht einen erheblichen Anteil am drastischen Rückgang der Todesopfer. Dabei wird gerne vergessen, wie grundsätzlich unterschiedlich die Entwicklungen von Gurt und Helm abgelaufen sind.

Die Automobilindustrie lief seit den 1960er-Jahren immer stärker auf ein massives Imageproblem hinaus. Die vielen Verkehrstoten bedrohten mehr und mehr das Bild vom sicheren, schnellen und modernen Kraftverkehr. In denn Niederlanden war dies ein wichtiger Katalysator, die Innenstädte gezielt vom Kraftverkehr zu befreien und wieder auf das Fahrrad umzusteigen. Es war auch der Automobilindustrie klar, dass ein solches Bild letztlich verkaufsschädigend sein würde – und vielleicht sogar gesetzgeberische Maßnahmen provozieren könnte. Die Industrie hatte daher ein starkes Interesse, selbst die Opferzahlen des Verkehrs zu senken und reagierte mit millionenschweren Forschungs- und Entwicklungsprogrammen. Besonders Frontalunfälle forderten seinerzeit immer wieder auf grausamste Art und Weise ihre Opfer: Bei einer Kollision schlugen die Insassen des Fahrzeugs mit dem Kopf auf die Lenkkonsole auf oder wurden direkt durch die Frontscheibe aus dem Fahrzeug geschleudert. Die Entwicklung der Gurte und später der Airbags erfolgte gezielt auf dieses Unfallszenario hin, dem Jahr für Jahr mehrere Tausend Verkehrsteilnehmer zum Opfer fielen.

Die Geschichte der Fahrradhelme kennt diese zielgerichtete Forschung unter dem Einsatz erheblicher finanzieller Ressourcen bisher nicht und die Herkunft der Helme ist eine ganz andere. Die fehlende Forschungs- und Entwicklungsarbeit läßt sich am Schicksal der sogenannten Soft-Shell-Helme gut verdeutlichen. Anfang bis Mitte der 1990er-Jahre war diese Bauform besonders bei Kinderhelmen beliebt und verbreitet. Diese Helme waren letztlich nichts anderes, als Schalen aus gegossenem Schaumstoff. Sie ließen sich besonders günstig herstellen und verkaufen, doch inzwischen sind sie vollständig vom Markt verschwunden. Dafür gibt es einen guten Grund: Die Oberfläche dieser Helme war leicht porös – vergleichbar in etwa mit Styropor oder Moosgummi. Das führte dazu, dass sie beim Rutschen des Kopfes über den Asphalt erheblich an der Halswirbelsäule des Unfallopfers zerrten und so zu lebensgefährlichen Verletzungen führen konnten.

Von der Sturzkappe zum Fahrradhelm

Die heutigen Fahrradhelme haben ihren Ursprung in den frühen Sturzkappen der Radrennfahrer. Diese Kappen waren im Prinzip einfache Ledermützen, die später mit Schaumstoffringen verbessert wurden. Hierbei war klar, dass die Kappen keine schweren Verletzungen verhindern konnten und sollten. Vielmehr war der Nutzen der Kappen die Verhinderung leichter, aber lästiger oberflächlicher Platzwunden und Abschürfungen. Immer wieder kommt es bei Radrennen – gerade im Amateurbereich – zu Massenstürzen im Hauptteilnehmerfeld, dem Peloton. Diese Stürze verlaufen in der Regel recht glimpflich, die schwersten Verletzungen sind eher Arm- und Beinbrüche. Schädelfrakturen kommen extrem selten vor. Die häufigen, stark blutenden Kopfplatzwunden sind dagegen zwar harmlos, aber dennoch ärgerlich, denn sie sehen nicht nur übel aus, sondern können im Extremfall trotz bester sonstiger Gesundheit eine Weiterfahrt verhindern – nicht umsonst haben Profiboxer  immer einen guten Cutman im Team. Und genau gegen solche leichten Verletzungen der Kopfhaut boten bereits die Sturzkappen einen ausreichenden Schutz.

Die Sturzkappen hatten jedoch einen Nachteil: Die Lederkappen lagen direkt auf dem Kopf an, was das Tragen gerade bei höheren Temperaturen unangenehm werden ließ. Die heutigen Fahrradhelme lösen das Problem durch Lüftungsschlitze und moderne, leichte Werkstoffe. Daneben bieten sie im Rennen noch gewisse aerodynamische Vorteile. Kein Wunder, dass die Helme bei Profisportlern die Sturzkappen Anfang der 1990er-Jahre relativ schnell ersetzten. Pflicht bei Fahrradrennen der UCI wurden Helme übrigens erst nach dem tödlichen Unfall des kasachischen Fahrers Andrei Kiwiljow im Jahre 2003 – durchaus begleitet von Protesten aus dem Fahrerfeld. Die Einführung der Helmpflicht fällt damit mitten in eines der dunkelsten Kapitel des Profi-Radsports. Das Image des Sports hatte in den Jahren um die Jahrtausendwende nach zahlreichen Dopingaffären seinen Tiefpunkt erreicht. Die Titel der Tour de France der Jahre 1999 bis 2006 wurden nachträglich annuliert – der Radsport war für eine eventuell noch weiter rufschädigende Sicherheitsdebatte extrem anfällig, die Verhandlungsposition der Fahrer und Teams wegen der Dopingvorwürfe geschwächt. Dabei ist der Radsport eigentlich eine recht sichere Angelegenheit: In ihrer über 100jährigen Geschichte verzeichnete die Tour de France erst zwei tödliche Unfälle innerhalb des Fahrerfeldes während des Rennens.

Fazit

Sieht man sich heutige Fahrradhelm-Kampagnen an und betrachtet sie vor dem Kontext der historischen Herkunft der Helme, so muss man feststellen, dass ein Schutz vor lebensgefährlichen Verletzungen bei der Entwicklung nie im Fokus stand. Es ist daher kein Wunder, dass Wunsch nach Schutz und Erfahrungen aus der Realität bald in Widerspruch zueinander gerieten. Die ersten Helmpflichten Anfang der 1990er-Jahre in Australien und Neu Seeland führten direkt in ein Desaster und führten den dortigen Gesundheitssystem bis heute wahrscheinlich einen immensen Schaden zu. Wer sich mit Fahrradhelmen ernsthaft auseinandersetzen will, muss zunächst ans andere Ende der Welt blicken…

Lesen Sie weiter: Wie die Helmpflichten in Neu Seeland und Australien die ersten Zweifel an der Wirksamkeit der Fahrradhelme aufkommen ließen…

4 Kommentare zu “Eine kleine Geschichte der Fahrradhelme

  1. Leon

    Ich bin auch nicht für eine generelle Helmpflicht, da ich der Meinung bin, dass erwachsene Menschen für sich selbst verantwortlich sind. Und selbst wissen müssen, ob sie sich schützen möchten oder nicht. Dass ein Fahrradhelm lediglich Schutz vor Kopfverletzungen bieten kann, ist ebenfalls selbstverständlich.
    Ich selbst entschied mich dafür einen Helm zu tragen, als ein Bekannter von mir, der mehr als 50 Jahre lang viel und gerne mit dem Fahrrad unterwegs war (immer ohne Helm), tödlich Verunglückte, als er einem Tier auf der Straße auswich, stürzte und mit dem Kopf auf einen Stein aufschlug.
    Bestätigt wurde mir meine Entscheidung, als ich selbst einen Unfall hatte (glücklicherweise mit Helm). Auf einem Schotterweg rutschte mir der Reifen weg, weshalb kann ich nicht genau sagen, und ich bin gestürzt. Dass ich auch kräftig mit dem Kopf aufgeschlagen sein muss, wurde mir erst hinterher bewusst, als ich den Helm abnahm und genauer betrachtete. Der tiefe Schmarren in der Helmschale ließ mich Gott danken, dass ich den Helm getragen hatte. Dieses Loch wollte ich nicht im Kopf haben.
    Aus diesen Gründen habe ich mich entschieden, nur noch mit Helm Fahrrad zu fahren, finde aber, dass jeder erwachsene Mensch das für sich selbst entscheiden sollte.
    Anders sehe ich das bei Kindern.
    Glücklicherweise sind offenbar die meisten Eltern meiner Meinung, denn schon seit einiger Zeit sehe ich kaum noch Kinder ohne Fahrradhelm auf der Straße. Da es aber immer noch einige Eltern gibt, die hierauf keinen Wert legen, denke ich, dass für Kinder eine solche Helmpflicht bestehen sollte.

      1. Bernd

        Trotzdem geschehen mehr Kopfverletzungen in PKW als auf dem Rad. Es bringt wirklich nichts gegen rare Ereignisse gewappnet zu sein, während die alltäglichen Gefahren ausgeblendet werden.

        In Ermangelung an Fällen in den ein Helm nachweislich ein Leben rettete, gibt es leicht zu ergooglende Beispiele in denen ein Helm für Kinder nachweislich tödlich war.

        Für Erwachsene sind gerade die Beispiele Stein oder Bordstein überhaupt keine. Helme sind nicht für den Aufprall auf harten Kanten oder Vorsprüngen gemacht. Fotos von gespaltenen Helmen kann man beliebig viel verbreiten, gerade diese sind jeweils ein Nachweis des Versagens des Helmes.

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