Helmstudien: Der häufigste Fehler

Treffen Fahrradhelm-Befürworter und Fahrradhelm-Gegner in Internetforen, Social-Media-Gruppen oder auch den Kommentarspalten der großen Nachrichtenseiten aufeinander, entstehen in der Regel harte Diskussionen um das Für und Wider der Schutzwirkung von Fahrradhelmen. Helmgegner führen früher oder später ins Feld, dass es keine belastbaren Studien zur Thematik gäbe. Die Pro-Helm-Fraktion zeigt sich dann meist überrascht und wirft nach kurzer Suche mit Links um sich, welche die angebliche Wirksamkeit von Fahrradhelmen belegen sollen. Studien, die vordergründig den Fahrradhelmen die Schutzwirkung bescheinigen, gibt es anscheinend genug.

Leider ist die Sache nicht ganz so einfach.

Auf den ersten Blick ist es nämlich wirklich so, dass fast alle verfügbaren Studien mal stärker, mal weniger stark die Schutzwirkung der Helme zu bestätigen scheinen. Mitunter handelt es sich um Studien renommierter medizinischer oder technischer Hochschulen. Für viele Menschen – und gerade solche, die wenig Kontakt mit dem Wissenschaftsbetrieb haben – ist schlicht nicht vorstellbar, dass relativ kleine handwerkliche Schnitzer unter Umständen vernichtende Folgen für das Untersuchungsergebnis haben können.

Die Front im Meinungskampf verläuft deswegen in der Regel zwischen Menschen, die mit dem kritischen Lesen von Studien eine gewisse Erfahrung haben und ihre eigenen Schlüsse ziehen können, einerseits und Menschen, die sich relativ blind auf die Ergebnisse der Experten verlassen, andererseits. Die Kritik der Helmgegner setzt nämlich gar nicht bei der Quantität der Studien ein, sondern bei der Qualität. Um die – und das sei an dieser Stelle vorweg genommen – ist es relativ schlecht bestellt. Grund hierfür ist, dass gewisse Fehler im Studienlayout und bei der Schlußfolgerung aus den ermittelten Zahlen von unterschiedlichen Forscherteams wieder und wieder begangen wurden. Hierdurch ist eine Unzahl von Studien zu Fahrradhelmen entstanden, deren Schlußfolgerungen einer kritischen Überprüfung nicht standhalten. Hierbei ist es zunächst wichtig, sich einmal anzusehen, wie der größte Teil der Fahrradhelm-Studien aufgebaut ist.

Das Standard-Studienlayout: Die Fall-Kontroll-Studie

Mediziner und Pharmakologen greifen bei der Erprobung der Wirksamkeit neuer Medikamente oder Behandlungsmethoden in der Regel auf sogenannte Doppelblindstudien zurück. Es handelt sich dabei um ein weitgehend standardisiertes Verfahren von Medikamentenstudien, mit dem forschende Mediziner gut vertraut sind. Hierbei werden Patienten mit einer gewissen Erkrankung in zwei Gruppen aufgeteilt, von denen die eine Gruppe den neuen Wirkstoff erhält, die andere lediglich den Placebo. Weder Arzt noch Patient wissen dabei, welcher Gruppe der jeweilige Patient angehört.

Dieses Verfahren hat einige Vorteile:

Zunächst können die Studienteilnehmer normalerweise einer gewissen Vorauswahl unterzogen werden. So lassen sich die beiden Gruppen gewichten – oder aber Risikogruppen, wie Alkoholiker, Diabetiker und starke Raucher, die das Studienergebnis verfälschen könnten,  werden von vornherein von der Studie ausgeschlossen. Dadurch, dass auch die Ärzte nicht wissen, ob der Patient das „echte“ Medikament bekommt, sind auch gewisse psychologische Verzerrungen ausgeschlossen.

Bei Fahrradhelmen kann diese Verfahren jedoch nicht angewendet werden: Entweder müsste man wissentlich gesunde Menschen in Unfälle verwickeln, oder aber man müsste für eine ausreichende Stichprobe die radfahrende Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland ein Jahr lang mit „echten“ Helmen und Helm-Placebos fahren lassen, weil Fahrradunfälle eigentlich ein recht seltenes Ereignis sind.

Die meisten Studien zu Fahrradhelmen sind daher als sogenannte Fall-Kontroll-Studien angelegt. Der Aufbau ist simpel: Als Studienobjekt dienen die radfahrenden Unfallopfer einer oder mehrerer Kliniken einer bestimmten Region. Jetzt nimmt man sich diese Unfallopfer her und unterteilt die Gruppe in Helmträger und unbehelmte verunfallte Radfahrer. Die Verletzungsschwere der beiden Gruppen wird dann miteinander verglichen.

Hört sich logisch an, oder?

Aber genau hier tappen die Forscher bereits in die statistische Falle.

Der Hellfeld-Dunkelfeld-Fehler

Hellfeld-DUnkelfeldDie Mediziner bekommen bei so einem Studienlayout nur von jenen Radfahrern etwas mit, die verunfallt sind. Kriminologen, also Menschen, die sich mit den gesellschaftlichen Grundlagen und Auswirkungen von Kriminalität beschäftigen, haben in einem ganz ähnlichen Zusammenhang das Begriffspaar von Hellfeld und Dunkelfeld geprägt. Im Dunkelfeld finden sich alle Verbrechen wieder – im Hellfeld nur diejenigen, die von der Polizei erfasst wurden. Und in einer noch exklusivieren Gruppe findet man dann jene Verbrechen, die von der Polizei auch aufgeklärt wurden.

Bei Fahrradunfällen verhält es sich ganz ähnlich: Im absoluten Dunkelfeld liegt das gesamte, unauffällige Verkehrsgeschehen (in der Grafik schwarz). Nur eine kleine Teilmenge davon bilden sämtliche verunfallte Radfahrer (blau). Aber nicht die gesamte Gruppe der Unfallopfer gehört auch zum Hellfeld: Die weitaus meisten Fahrradunfälle dürften so glimpflich ausgehen, dass sie überhaupt nicht bekannt oder als solche erkannt werden. Bagatellschäden an Fahrrädern nehmen die meisten Radfahrer einfach so hin. Kleinere Verletzungen werden oft ebenfalls keinem Arzt vorgestellt.

Im Krankenhaus bekannt wird also nur eine sehr kleine Menge aller Unfälle (rot). Noch weniger (weiß) bekommen die Polizeibehörden mit, wobei sich die Hellfelder von Polizei und Krankenhäusern nicht ganz decken.

Und genau an dieser Stelle verbirgt sich der Denkfehler, den die Radhelmforscher bei ihren Studien begehen:

Das Hellfeld ist keine statistische Zufallsprobe aus dem Gesamtkollektiv, sondern bereits eine Auswahl anhand des Kriteriums, ob jemand Unfallopfer wurde – oder eben nicht. Die Zusammensetzung der Gruppe der Unfallopfer unterscheidet sich nach derzeitigem Kenntnisstand deutlich von der Zusammensetzung des absoluten Dunkelfeldes der unauffälligen Radfahrer.

Überrepräsentiert im Hellfeld sind beispielsweise:

  • Männer
  • alkoholisierte Radfahrer
  • Freizeitradler mit niedrigen Kilometerleistungen
  • Sportler
  • und: oft auch Helmträger

Aber das ist nicht das einzige Problem:

Auch die Gruppen der Helmträger und der Fahrradfahrer ohne Helm unterscheiden sich in der Zusammensetzung. Frauen tragen seltener einen Helm, als Männer. Mit höherer Kilometerleistung nimmt die Bereitschaft zum Tragen eines Fahrradhelms anscheinend deutlich ab. Sportler, egal ob Mountainbiker oder Straßenfahrer, greifen hingegen deutlich häufiger zum Helm und alkoholisierte Partygänger tragen fast nie einen.

Alkohol – der pinke Elefant der Helmforscher

Gerade letzter Faktor ist dabei besonders heikel: Verunfallte Radfahrer unter Alkoholeinfluß tragen deutlich häufiger schwere Verletzungen davon, als nüchterne Radfahrer. Das verwundert nicht: Der Alkohol-Intox schaltet zuverlässig wichtige Körperreflexe aus, die der Vermeidung von Stürzen und der Abwendung der Sturzfolgen dienen. Wer unter Alkoholeinfluß einen Unfall baut, hat ein deutlich höheres Risiko, ein schweres Schädel-Hirn-Trauma zu erleiden. Alkoholisierte Radfahrer stellen – etwas abhängig von der Region – zwischen einem Viertel und der Hälfte der tödlich verunglückten Radfahrer.

Wie bereits erwähnt trägt aber nur ein verschwindend geringer Teil der unter Alkoholeinfluß fahrenden Fahrradfahrer einen Helm. Dies führt dazu, dass bei einem entsprechenden Studiendesign betrunken verunglückte Fahrradfahrer nahezu ausschließlich den Nicht-Helmträgern zugewiesen werden. Eine saubere Studie würde sich nun lediglich auf nüchterne Radfahrer beziehen. In keiner mir bisher bekannten Studie, die zu einer Schutzwirkung von Fahrradhelmen kommt, wurde dieser Störfaktor aber korrekt herausgerechnet. In den meisten Studien finden dazu finden sich überhaupt keine Angaben zu diesem Thema – und bei einigen Studien, für die sich entsprechende Zahlen finden lassen, führt dieser Fehler in der Ergebnisdiskussion zur Umkehrung der Studienergebnisse.

Die mangelhafte Beschätigung mit den Zusammenhängen zwischen Unfallschwere, Alkoholkonsum und dem Tragen von Fahrradhelmen sind aber nur der schwerwiegendste Fehler – denn es gibt noch mehr Unstimmigkeiten:

Ich hatte bereits die psychologischen Faktoren angedeutet, die bei Doppelblindstudien durch das Studiendesign ausgeschlossen sind. Bei Fall-Kontroll-Studien ist das nicht der Fall:

Es scheint nach derzeitigem Kenntnisstand nicht ausgeschlossen zu sein, dass sich Helmträger im Verkehr anders bewegen. Hierbei kommt eine Art Henne-Ei-Problematik ins Spiel. Jemand, der häufiger eine kritische Situation im Straßenverkehr erlebt hat, wird sich eher einen Helm zulegen, als jemand, der sich im Straßenverkehr sicher fühlt. Das muss nicht nur ein subjektives Kriterium sein. Es ist tatsächlich denkbar, dass Helmträger die schlechteren Radfahrer sind, als unbehelmte Radfahrer. Zahlen aus Münster sprechen dafür: Im Hellfeld der Polizei tragen etwa 16 Prozent der verunglückten Radfahrer einen Helm, bei Verkehrszählungen der UDV an münsterschen Straßen trugen jedoch lediglich 9 Prozent der Radfahrer einen Helm. In Münster haben Helmträger dementsprechend ein fast doppelt so hohes Unfallrisiko. Dass bei vielen Helmstudien behelmte Radfahrer trotz höheren Unfallrisikos weniger schwere Verletzungen davon tragen, könnte (neben der Sache mit dem Alkohol) aber auch daran liegen, dass sie sich von vornherein in gewisse Risiken gar nicht begeben. Gerade bei Kindern sind solche Szenarien denkbar:

Unbehelmte Kinder etwa könnten einfach bereits in ihrer Entwicklung als Verkehrsteilnehmer weiter fortgeschritten sein und selbständig zur Schule fahren – während behelmte Kinder sich noch nicht aus dem Herrschaftsbereich ihrer Eltern entfernen. Es ist klar, dass Kinder, die weniger Konfliktpotential mit dem Kraftverkehr haben, auch ein niedrigeres Verletzungsrisiko tragen. Solche Gedankengänge lassen sich leicht auf Erwachsene interpolieren: Helmtragende Freizeitradler könnten so etwa auf Nebenstraßen und Feldwegen ein niedrigeres Verletzungsrisiko haben, als Alltagsradler ohne Helm, die zwar ein deutlich niedrigeres Unfallrisiko haben, aber beim Eintreten des Unglücksfalls ungleich heftigere Verletzungen davontragen.

Fazit

Die vorgenannten Überlegungen erheben sicherlich keinen Anspruch auf Vollständigkeit – aber sie lassen deutlich die Schwierigkeiten erkennen, die Fall-Kontroll-Studien im Bezug auf Fahrradhelme mit sich bringen. Ähnliche Fehler hatten in den 70er/80er-Jahren dazu geführt, dass ein deutlich erhöhtes Krebsrisiko bei Nutzern von gewissen Nahrungsergänzungsmitteln nicht erkannt worden ist.

Es stellt sich die Frage, ob Fall-Kontroll-Studien überhaupt etwas zur Klärung der Frage beitragen können, ob Fahrradhelme eine Schutzwirkung haben. Ich denke, dass sie es können – vorausgesetzt, sie werden von Begleitstudien gestärkt und sind ergebnisoffen. Damit überhaupt belastbare Schlußfolgerungen möglich sind, muss aber mindestens nebenher die Helmtrageqoute im Untersuchungsgebiet zuverlässig ermittelt werden und es müssen Studien durchgeführt werden, die die sozioökonomische Zusammensetzung des gesamten Radverkehrs erfassen. Wenn dies nicht geschieht, ist der Erkenntnisgewinn der Studien auf Grund der geschilderten Fehler regelmässig gleich Null.

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